Strukturwandel könnte nicht sexier sein

Ein Interview mit Dr. Julia Gabler über die radikalen Veränderungen in der Lausitz, die Bedeutung von lokalen Aneignungsprozesssen und die Chancen transformativen Theatermachens

Was hat dich als Forscherin interessiert am „Modellfall“?

Julia Gabler: Ich arbeite am IASS in Potsdam als Soziologin im Forschungs- und Beratungsprojekt zum Strukturwandel in der Lausitz. Wir forschen zu den Herausforderungen des Strukturwandels durch den Kohleausstieg. Gleichzeitig sind wir in Politik und Zivilgesellschaft beratend unterwegs, damit politische und strukturelle Maßnahmen den Strukturwandel sozial gerecht und kooperativ gestalten. Als ich vom Modellfall erfahren habe, war ich sofort neugierig, was ihr hier öffentlich umsetzt.

Luftaufnahme Braunkohletagebau
Welche Bezüge hast du beim Parcours zu den Transformationsprozessen der Lausitz entdeckt?

Puhh, das ist eine Riesenfrage. Es gab so unglaublich viele Bezüge, die ihr aufgenommen habt. Angefangen beim Bahnhof, wo der Parcour gestartet ist. Früher DAS Zentrum der Mobilität der Industriestadt Weißwasser, wo die arbeitende Bevölkerung in die Fabriken der Stadt strömte und in die umliegenden Industriestandorte zur Arbeit fuhr. Heute steht der Bahnhof wie viele andere für die symbolhafte Leere, für die Flucht und Abwanderung in den 1990er Jahren. Aber auch für das Warten auf eine bessere Anbindung an den Metropolraum Berlin, auf Rückkehrer und Touristen – das Gefühl des Abgehängtseins.
Ihr habt einen „kleinen Trompeter“ den Beginn der Performanz verkünden lassen – eine Figur, die an das kommunistische Lied erinnert, das in der DDR sehr häufig gesungen wurde. Somit sind hier auch kulturelle Bezüge zur postsozialistischen Transformationsgeschichte, die ihren Beginn vor dem Mauerfall hat. Das passt auch gut zu dem Begrüßungschor der russischen Aussiedlerinnen und Zuwanderinnen. Euch sind immer wieder so spannende Umordnungen gelungen wie hier, eine stark marginalisierte Gruppe stellt sich ins Zentrum – mitten auf den zugigen Bahnhofsvorplatz und begrüßt die ganze Vielfalt der Lausitz. Wenn Bernadette La Hengst dann in die Saiten greift, und die Töne zu Bela Woda erklingen, wird der Wind, der über den Bahnhofsvorplatz fegt auf einmal zum Effekt einer Rockshow - eine Stimmung wie in einem Videoclip aus den 80ern – Rock `n Roll. Strukturwandel könnte nicht sexier sein. In dieser live-Verwandlung entsteht ein Bild der Stadt Weißwasser wie sie auch sein könnte und ja, an diesen Auftritts-Wochenenden „gewesen sein wird“, um das Futur zwei aufzunehmen, mit dem ihr spielt. Diese real-surreale und ironisch-theatralischen Kippmomente sind unglaublich stark.
Ihr legt die Bauhaus-Arbeitsthesen der funktionalen und organischen Moderne als Folie über den gegenwärtigen Strukturwandel der Braunkohle und nutzt die Glasfachschule, die längst keine industrielle Zukunft mehr hat, als Debattenort, an dem Wagenfeld und Neufert die beiden Funktionsprinzipien aufs Härteste diskutieren, um Szenarien für den gegenwärtigen Strukturwandel abzuleiten. Genauso muss die Debatte um die Zukunft der Lausitz geführt werden: Wie leben wir hier eigentlich und wie wollen wir in Zukunft hier leben? Was soll der Maßstab unserer Entscheidungen sein? Die Bezeichnung „Modellfall“ karikiert m.E. nach diese essentielle Auseinandersetzung. Im Grunde ist es traurig, dass wir dafür einen Modellfall schaffen müssen… Andererseits sehe ich in der Lausitz überall einzigartige Modellfälle, wo diese Auseinandersetzungen stattfinden, sie sind nur nicht so öffentlich. Am Ende war ich schier zu Tränen gerührt, als die Einhörner auf dem Boulevard durch das Tor der Verwandlung geführt wurden und auf den Appell hin, den Einhörnern zu folgen, ist eine Frau durch das Tor gegangen und spricht fast spirituell über ihre Verwandlungs-Wahrnehmung. Gerührt hat mich, dass alle anderen mit Bier und Erdbeerbowle davor auf der Wiese lümmelten und sich nicht irre machen ließen. Man kann auch entspannt bleiben und muss nicht hysterische Veränderungsfreude zelebrieren – in der Kulisse von Weißwasser schien mir das besonders nachvollziehbar. Diese Lässigkeit öffentlich zu werden, die ich an diesem Abend in Weißwasser erlebt habe, hat mir sehr imponiert. Insofern ist der Modellfall eben kein Modellfall, sondern eine Forderung nach Debatten, die geführt werden wollen und Positionen, die ernst genommen werden möchten. Die Leute sind schon die Protagonisten der Veränderungen und vor Publikum aufzutreten, scheint ihnen gut zu tun.

Tor Braunkohletagebau - Sie werden sich entschieden haben
Wie blickt die ethnografische Feld-Forscherin auf den „Modellfall“?

Wenn ich forschend im Feld bin, dann versuche ich mich möglichst „leise“ im Feld zu bewegen. Meine Forschungsdaten entstehen, wenn ich mich in laufende Zusammenhänge einklinke, an Veranstaltungen beobachtend teilnehme, mit Leuten Gespräche führe und zeitweises Mitglied ihrer Welt werde. Dieses durch Teilnahme und Beobachtung entstandene Material nehme ich mit, verschriftliche es. Dann beginnt der relativ aufwändige und zirkuläre Interpretations- und Schreibprozess, wo am Ende verschiedene Text- und Darstellungsformen entstehen.
Mir scheint, dass der Modellfall eine Kombination aus vier Phasen war: Eintauchen, Aufsaugen, Durchkauen und Ausspucken. Nee, im Ernst: Wie ich den Modellfall erlebt habe, wart ihr sehr involvierend unterwegs. Der Rechercheprozess im und am Feld war interaktiv und sicher sehr intensiv – ich war sehr beeindruckt, welches Detailwissen ihr ausgegraben und hervorgebracht habt und auf Karten und Plakaten und in Liedern, ja letztendlich mit dem Parcour den Daten, Themen, Bildern und Erinnerungen, Diskursen und Diskussionen - einen neuen Rahmen (schickes Wort: „framing“) gegeben habt. Das konntet ihr Euch aber nicht allein im Hinterzimmer ausdenken, sondern ihr wart auf das Mittun der Leute angewiesen, auf ihr Wissen und darauf, dass ihr zu Interpretationen kommt, mit denen sie was anfangen können und die sie performen wollen. Ihr seid gemeinsam losgezogen und habt Ausdrucksformen entwickelt. Das fand ich sehr emanzipativ und stark. Durch diese partizipierende Ebene würde ich den Modellfall eher als „transformatives oder partizipatives Theater“ bezeichnen. Die Fragen, die mich daran anschließend interessieren sind, wie und wo entsteht diese Wirkung ohne Regieanweisungen? Wie wichtig ist die künstlerische Initiierung und Leitung/ Moderation gewesen? Welche Funktionen hatte sie? Was machen die Leute mit den Erfahrungen vom Modellfall?

Was war für dich am „Modellfall“ exemplarisch?

Der Modellfall hat mir wieder in Erinnerung gerufen, was ich schon vor 10 Jahren in einem Forschungsprojekt „Überleben im Umbruch“ erfahren habe, wo wir in Wittenberge auch mit Theatermachern zusammengearbeitet haben. Dass die Künste und auch die (Sozial-)Wissenschaft Partner sein können, wenn es um die Unterstützung von lokalen Aneignungsprozessen im Strukturwandel geht. Du hast mir in einem Gespräch von der Hilflosigkeit erzählt, die Du wahrgenommen hat. Hilflosigkeit, aus biographischen Erfahrungen sinnvolles, wertvolles Handeln zu machen. Von der Scham, in einer verfallenen Stadt zu leben, die wie der äußere Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit erscheint. Ich glaube, der Verlust von Sinn, Gemeinschaft und kulturellen Orientierungen ist die eigentliche Strukturschwäche der Lausitz, die sich nicht durch (noch mehr) Autobahnen und Gewerbeparks abmildern lässt, sondern die tätiges Handeln braucht, Aneignung und Auseinandersetzung. Die kulturelle Leere und Bedeutungsarmut führt dazu, dass die Leute nur noch neidisch auf Nachbars Auto sind, sich aber nicht mehr trauen, für gemeinsame öffentliche Angelegenheiten zusammen zu kommen. Ich glaube transformatives Forschen und Theatermachen kann helfen, Mut zu machen, Hilflosigkeit zu überwinden und Vertrauen in das eigene Tun wieder zu erlangen.

Im „Modellfall“ haben wir einen „Strukturwandel von unten“ erprobt. Welche Bedeutung haben Bottom-up-Strategien für dich in Bezug auf die bevorstehenden Umbrüche in der Region?

Sie sind total zentral, um zu sinnvollen top down-Ansätze zu kommen. Bottom-up-Strategien sollten wild bleiben dürfen, denn sie sind nicht unbedingt „ratifizierbar“. Wir sehen in den vielen Förderprojekten, dass viele lokale Initiativen häufig völlig überfrachtet sind: bürokratisch wie inhaltlich. Die Finanzierung der sozialen Infrastruktur über Fördermittel ist hochgradig problematisch, weil natürlich hierdurch keine nachhaltigen Strukturen entstehen können. Was mühevoll aufgebaut wird, liegt brach, wenn die Finanzierung wegbricht. Soziale Grundbedürfnisse wie Bildung, Kultur, aber auch Politik und Gemeinschaft finden nicht mehr statt, wenn sie ohne Förderbescheid nicht mehr zu realisieren sind, weil die Orte geschlossen haben, nur noch kurzfristig Gelder bewilligt werden, die in ihrer Abwicklung so viele Umstände produzieren, dass der Spaß an der Sache verloren geht. Dieser erzwungene Rückzug ist gefährlich. Die Leute verlernen, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Andererseits erleben wir immer wieder die Leidenschaft und den Eifer, den Leute an den Tag legen, wenn man sie anspricht und einlädt gemeinsam was zu unternehmen. Häufig aber sind es die wenig Aktiven, die bis zur Erschöpfung versuchen, riesige Leerstände zu bewirtschaften, Schulen zu gründen und regelmäßige Feste für die Nachbarschaft zu organisieren. Wir sollten aufhören, den Bildern einer industriellen Landschaft anzuhängen, die die doppelte Anzahl Bewohner hatte. Und uns dem zuwenden, was heute Regionen wie die Lausitz auszeichnet: sie sind weitaus weniger industriell geprägt als das Selbstbild vermuten lässt, sie sind heterogener und erfindungsreicher als die öffentliche Darstellung in Landlust-Magazinen uns verkaufen will. Sie sind viel politischer als uns das Gerede von Politikverdrossenheit weismachen will. Ihr habt einige dieser vielfältigen und widersprüchlichen Funktionen des städtischen Lebens in der ländlichen Peripherie auf die große Bühne der Stadt gebracht – den öffentlichen Stadtraum zum Ort der Verhandlung gemacht: das was Weißwasser möglicherweise war, vielleicht ist und morgen sein könnte. Ich finde, ihr solltet eine Fortsetzung beantragen.

Singen mit den Mitbürger*Innen
Welche Rolle könnten solche Projekte in gegenwärtigen oder zukünftigen Strategien des Lausitzer Strukturwandels spielen?

Sie müssen eine viel größere Rolle spielen. Die Strukturwandelgelder sollten den Menschen zur Verfügung gestellt werden, sich auf den Weg zu machen, die Aufgaben zu erledigen, die sie jeden Tag vor ihrer Haustür erleben: Mobilität und Pflege, Kultur und Gemeinwohl, nachhaltige Wirtschaftsformen, Bildung für nachhaltige Lebensweisen und lokale Versorgungsstrukturen. So könnten ganz viele einzigartige Modellfälle entstehen und die gemachten Erfahrungen können für andere nützlich sein… nicht in 1 oder 2 Jahren sondern in den nächsten 20 Jahren. Wenn wir keine Identifikation mit dem Strukturwandel erzeugen und die Leute selber machen lassen, dann haben wir aus den Erfahrungen der letzten 30 Jahre nichts gelernt und es wird vermutlich zu weiteren Abstoßungseffekten mit dem politischen System kommen.

Wie siehst du die Verwendung des Begriffs „Transformation“ in Bezug auf gesellschaftliche Umbrüche?

In den Sozialwissenschaften ist der Transformationsbegriff sehr en vogue… Great Transformation hieß zuletzt eine große Konferenz in Jena und es klingt, als ob da was Hoffnungsvolles am Horizont zu erwarten sei. Mit Transformation kann ja erstmal alles Mögliche bezeichnet werden, das Zustand, Form, Gestalt, Stil wandelt oder umformt. Dies kann gewollt und ungewollt passieren. Als sozialwissenschaftliches Konzept meint Transformation den Wandel von Gesellschaftssystemen, auf radikale oder reformerische Art und Weise – in jedem Fall mit identifizierbaren Akteuren. Heute ist besonders die erwünschte sozial-ökologische Transformation Vielen ein Begriff. Die Debatte selbst ist aber älter und reicht bis in die 1990er Jahre. Die ostdeutsche Gesellschaft wird als Transformationsgesellschaft bezeichnet. Völlig zu Recht. Das politische, soziale und wirtschaftliche System wurde 1989 umgewälzt. Viele ostdeutsche Biographien sind Abbilder dieser radikalen Veränderungen – so what! Auch wenn im 30. Jahr des Mauerfalls/ der Wiedervereinigung diese „Transformationserfahrung“ der Ostdeutschen wieder gefeiert wird, so ist doch die Frage, was sie damit anfangen und ob sie ihre Erfahrung für die anstehenden Transformationsprozesse nützen können. Viele sind müde und wollen gerade keine persönlichen Veränderungen mehr auf sich nehmen. Da kann noch so viel Geld in die Regionen geschüttet werden. Viel wichtiger scheint mir, und hier fand ich den Modellfall sehr lehrreich, sind Gelegenheiten, die den kulturellen Wert dieser Wandlungserfahrungen thematisieren. Es geht darum Formen aufzuspüren, in denen Erfahrungen gesellschaftsrelevant werden, um die Ketten der Ohnmacht zu sprengen, damit die Leute wieder Sinn verspüren und merken können, wie gut es ihnen eigentlich geht.

Die Fragen stellte Stefan Nolte

Dr. Julia Gabler, Soziologin, arbeitet seit 2018 am IASS Potsdam im Projekt: Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz, vor 40 Jahren in Rostock geboren, lebt seit 2013 mit ihrer Familie in Görlitz (vorher Jena, Leipzig, Berlin, Brüssel, Köln) und wünschte das Meer wär nicht so weit weg.

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