Nur gemeinsam kriegt man das zustande

Christine Sievers über ihr Engagement für das ehemalige Volkshaus und die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit dem Künstlerteam des Modellfalls.

Wie hast du das erste Mal vom Modellfall Weißwasser gehört

Christine Sievers: Durch die Zeitung. Neufert und Wagenfeld waren im Herbst 2018 das erste Mal zu Besuch in Weißwasser und wurden am Bahnhof abgeholt. Das war das erste, was ich bewusst wahrgenommen habe. Dann gab es im Dezember eine Lichtbrücke zwischen dem Volkshaus und dem Neufertbau. Wir haben gesagt: Sehen wir uns das mal an. Meinen Mann und mir ging es ums Volkshaus. Den Neufertbau und dessen Bedeutung haben wir da noch gar nicht so im Fokus gehabt. Für den größten Teil der Weißwasseraner ist der eine nutzlose Ruine gewesen. Die Stimmen wurden lauter: „Neufertbau, was ist das? Die sollen mal lieber mit dem Volkshaus anfangen“. Und „100 Jahre Bauhaus“ war noch gar nicht in den Köpfen der Menschen vorhanden. Die Veranstaltung war gut besucht und sehr interessant. Mein Mann hat sich da auch vom Prof. Wagenfeld ein Autogramm geben lassen. Dann bin ich das erste Mal im Maszladen gewesen.

Stadtraum - Volkshaus Außenansicht
Wann hast du angefangen, dich für das Volkshaus zu engagieren?

Zum 85. Geburtstag des Volkshauses wurde ein Förderverein gegründet. Das war 2011. Mein Mann war Gründungsmitglied, ich habe mich nur im Hintergrund beteiligt, meinen Mann unterstützt.
Das Volkshaus stand da schon sechs Jahre leer. Damals hatte es geheißen: „Wir ziehen es jetzt leer, dann können wir es sanieren und dann wird alles noch besser.“ Als es ausgeräumt war, kam die Antwort aus Dresden: „April, April! Es gibt keine Förderung.“ Zu dem Zeitpunkt ging es der Stadt noch relativ gut. Aber als dann Vattenfall sich aus der Kohleverstromung zurückgezogen hat, musste die Stadt Gelder zurückzahlen und hatte keine Möglichkeiten mehr, Geld für Kultur zu investieren.

Welche Bedeutung hatte das Volkshaus für dich, bevor es geschlossen wurde?

Das war in erster Linie der Ring der heiteren Muse, eine monatliche Anrechtsveranstaltung – mal ein Konzert oder ein gemütliches Beisammensein oder der Auftritt von beliebten Sängern. Dann waren das die Faschings- oder Silvesterfeiern. Und dieses Haus war auch das Haus der Vereine und der Gewerkschaften, die ihre Veranstaltungen hatten, z.B. die Frauentagsveranstaltungen, die zu DDR-Zeiten sehr gut besucht waren oder die jährlichen Jugendweihefeiern. Das Volkshaus war damals der Kernpunkt des kulturellen Lebens und das hat sich eben alles durch unser Leben gezogen.

Was habt ihr mit dem Förderverein bewegen können?

Nicht viel, es gab Meinungsverschiedenheiten und mein Mann ist wieder ausgetreten. Der Vereinsvorsitzende hat gesagt: „Ich darf an dem Haus nichts verändern. Ich darf nur Geld sammeln.“ Und wir haben gesagt: „Wir müssen etwas tun, um das Haus zu retten.“ Die Lichtbrücke im Rahmen des Modellfalls war für mich ein positives Zeichen um die Sache gemeinsam anzugehen. Es haben sich dann noch einige andere gefunden, zum Teil Vereinsmitglieder aber auch ehemalige Mitglieder und andere, wir haben uns zu den „Freunden des Volkshauses“ zusammengetan.

Stadtraum - Frühjahrsputz im Volshausgarten
Wie hat die Zusammenarbeit mit dem Modellfall dann begonnen?

Unser Oberbürgermeister hat im Februar alle die Interesse am Volkshaus oder am Neufertbau haben, aufgerufen, sich im Maszladen zu treffen. Dort wurde dann hinterfragt, warum man das Volkshaus wiederhaben möchte. Und dann haben wir gesagt: Es geht nur gemeinsam. Wir wollen die Bevölkerung informieren, um das Verständnis für diese Gebäude zu aktivieren.
Und wir haben angeregt, eine Aufräumaktion im Volkshausgarten zu starten weil wir das eigentlich jedes Jahr gemacht haben. Da kam das Team aus dem Maszladen auf uns zu und hat gesagt: „Wollen wir das nicht gemeinsam machen? Und Neufertbau, Bahnhof, Glasfachschule, also alle Orte, die zu den Feierlichkeiten „100 Jahre Bauhaus“ bespielt werden sollen, die müssen ja auch aufgeräumt werden.“ Das haben wir dann in Gemeinsamkeit vorbereitet. Die Betonung liegt auf „gemeinsam“ mit dem Maszladen-Team. Dann hieß das „Frühlingsputz nach Masz“ – aber so ein Maß, wie es der Maszladen hatte, um die Zusammenhänge wieder herzustellen. Und dann haben wir unseren Oberbürgermeister überzeugen können, dass er für die gesamte Aufräumaktion als Schirmherr fungiert.

Wie ging es nach dem Frühlingsputz weiter?

Wir haben mit dem Modellfall-Team weiter regelmäßig zusammengesessen, um den Parcours vorzubereiten. Und haben uns über Aktivitäten, die vornehmlich im Volkshausgarten stattfinden sollten, verständigt. Haben Dinge organisiert, die das Fest – ich nenn’ s jetzt mal so – zum Gelingen bringen sollten. Totholz ist entfernt worden, Blumenbepflanzungen sind durchgeführt worden. Die Blumen stehen heute noch.
Wir haben uns auch noch mal schlau gemacht – in Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden der Denkmalkommission – welchen Vater das Volkshaus eigentlich hat. Und dann sind wir darauf gestoßen, dass Emil Lange, der Architekt des Volkshauses, auch ein Bauhaus-Architekt war. Er sollte eigentlich am Bauhaus eine Anstellung als „Meister für Versuchsbau“ erhalten, aber die finanzielle Situation war wüst und angespannt. Deshalb hat man ihn dort als Syndikus eingestellt. Die Erkenntnisse unserer Recherchen haben beim Parcours so manchen Besucher in Erstaunen versetzt.

Wie ist das Programm entstanden? War dir im Frühling klar was am Volkshaus stattfinden soll?

Das ist so nach und nach gewachsen. Wir haben die letzte Wirtin vom Volkshaus – die „singende Wirtin“ - gefunden und sie hat gesagt: „Ja ,ich mach mit“. Dann haben wir noch einen Musiker aufgetrieben, der damals im Volkshaus seinen Musikunterricht genossen hat. Das waren eben so kleine Puzzlesteine. Es sollte den Gästen gefallen und dass sie sagen: „Wir kommen wieder mal hierher.“ Wir wollten zeigen: Das Volkshaus lebt. Der Volkshaus-Garten zeigt, dass es geht.
Ihr wart die Spezialisten für die künstlerische Bearbeitung und wir haben für manches die praktischen Lösungen gezeigt. Deswegen haben wir so gut zusammen gepasst.

Stadtraum - Anmeldung Wolfs-Führung
Worin bestand deine eigene Rolle an den Abenden des Parcours?

Ich sollte Zusatzkarten verkaufen für die Wolfsführung, habe dann allerdings auch am Eingangsbereich die Gäste Willkommen geheißen und darauf hingewiesen was wo stattfindet. Es gab eine Inszenierung, da spricht der Wolf, der hier in der Lausitz wieder Fuß gefasst hat. Der hat das Volkshaus beschlagnahmt als Unterkunft und spricht jetzt seine Gedanken aus: Wie es mit dem Volkshaus weitergehen könnte und wie alles so ist. Wenn acht bis zehn Personen zusammen waren, haben wir die reingeführt und auch Fragen zum Volkshaus beantwortet. Wir sind mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen mit denen ich sonst nie ein Gespräch gehabt hätte.
Man konnte auch ins Haus reinhören und es gab die Band Zartbitter, eine Rückkehrerband. Die haben in einem Lied davon gesungen, warum die jungen Leute weggegangen und dann wieder zurückgekommen sind. Dann gab es eine wunderbare Aufführung durch Kinder. Sie haben gefragt: „Warum ist das Volkshaus so still?“ und dann die Gäste aufgefordert, von ihren Erinnerungen an das Volkshaus zu erzählen. Parallel dazu gab es noch eine Bewirtung mit Brause, Sekt und Bier und eine Gulaschkanone, am zweiten Wochenende eine Grillstation. Wir waren in erster Linie die Organisatoren im Hintergrund, aber auch Teil des Parcours.
Wir waren begeistert davon, wie der Volkshaus-Garten wieder in Besitz genommen wurde. Das war eine Generalprobe für neue Sachen. Man sollte das durchaus weiterführen.

Was nehmt ihr mit aus dem Modellfall und wie macht ihr jetzt weiter?

Wir haben eine Veranstaltung im Kleinen à la Modellfall organisiert: eine Filmvorführung im Garten mit Bierverkauf und Autogrammstunde von fünf Eishockeyspielern (Den Füchsen).
Der Maszladen ist jetzt leider geschlossen, aber unser City-Manager Frank hat uns sein Büro zur Verfügung gestellt und uns mit dem Filmland Sachsen zusammengebracht. Der Frank ist uns im Zusammenhang mit dem Modellfall vorgestellt worden und wir haben recht schnell einen Draht zu einander gefunden. Wir konnten auch die Stühle kaufen, die wir beim Modellfall geliehen hatten um gemütliche Sitzgelegenheiten für die Gäste zu haben. Und die warten jetzt auf die nächste Veranstaltung.
Ich bin der Meinung, dass man diese Begeisterung für neue Dinge mitnehmen muss. So wie zu Zeiten, als wir im Volkshaus gefeiert, getanzt und Erlebnisse gesammelt haben, wird es sicher nicht mehr werden. Aber wir müssen das Haus erhalten. Es ist allerdings nicht so einfach hier, Menschen zu finden, die sagen, ich mache mit. Das bedarf dann eben großer Überzeugungsarbeit. Nur gemeinsam kriegt man das zustande. Wir brauchen ganz viele kluge Ideen.

Die Fragen stellte Stefan Nolte

Christine Sievers gehört gemeinsam mit ihrem Mann zu den Freunden des Volkshauses, die sich neben dem Verein „Denk mal mit Leben“ für den Erhalt des 2004 geschlossenen Volkshauses der Stadt einsetzen. Sie ist 1951 geboren und hat an der Ingenieursschule für Chemie in Berlin (Ost) studiert. Seit 1973 hat sie im nahegelegenen Kraftwerk Boxberg gearbeitet, erst als Schichtleiterin in der chemischen Wasseraufbereitung, ab 1979 in der Instandhaltungsvorbereitung (Normalschicht). In Weißwasser wohnt sie mit ihrer Familie seit 1975. Sie ist Rentnerin und Mutter zweier erwachsener Söhne, die wegen der Arbeit weggezogen sind.

Stadtraum - Innenansicht Maszladen 2