Musik als magischer Katalysator

Die Musikerin Bernadette La Hengst über ihre Zusammenarbeit mit verschiedenen Chören, Bands und Leuten aus Weißwasser

Mit welchen Leuten aus Weißwasser hast du gearbeitet und was ist dabei entstanden?

Bernadette La Hengst: Ich habe mit dem Stadtchor zusammen gearbeitet, war dort von Anfang an immer wieder bei ihren Proben, habe ihnen Fragen gestellt über die Zukunft von Weißwasser, um die Stadt besser zu verstehen. Ich habe dann, auch inspiriert von ihren Antworten, Lieder geschrieben. Der Stadtchor wollte gerne junge neue Mitglieder gewinnen, auch mit einem anderen Repertoire an Liedern, deshalb haben sich ca. 20 von ihnen so begeistert in unserem Projekt engagiert. Ich habe den Chor erweitert, nach außen geöffnet und zum Chor der Verwandlung transformiert. Der Extrachor der Verwandlung besteht aus 13 jungen Leuten, zum großen Teil Rückkehrer*innen die gerne singen und sich auch anderweitig in der Stadt engagieren.
Zusätzlich habe ich mit Kindern aus verschiedenen Schulen, Kindergärten und aus der Musikschule Weißwasser gearbeitet. Das war etwas mühsam, weil es keinen festen Kinderchor gab.

Stadtraum - Bernadette und das Maszorchester

Außerdem habe ich kontinuierlich ein Jahr lang mit der Frauenband Zartbitter gearbeitet.
Sie besteht aus vier Anfang 30jährigen Rückkehrerinnen, die nach jahrelangem Studium und Aufenthalt in anderen Städten, zum Teil im Ausland, zurückkehrten, um Familien zu gründen.
Mit ihnen zusammen habe ich mehrere Songs entwickelt, geschrieben und aufgenommen; die Weißwasser Hymnen Bela Woda und das Rückkehrertelefon, das von ihren eigenen Geschichten des Weggehens und Wiederkommens handelt und den Song Schreien, in dem sie die Unzufriedenheit und Nörgelei mancher Stadtbewohner*innen thematisieren und in fröhlich punkiger Direktheit eine Veränderung fordern.
Außerdem waren noch zwei 15jährige Schülerinnen der Musikschule Weißwasser beteiligt, die Pianistin und Cellistin haben den 10köpfigen Kinderchor im Neufertbau-Garten mit einer anderen Version der Bela Woda-Hymne begleitet.
Zusätzlich habe ich das Maß-Orchester gegründet, das aus 10 Blasmusiker*innen aus Weißwasser und Umgebung bestand. Einige spielten im Posaunenchor der evangelischen Kirche, aber es waren auch Schüler*innen der Musikschule und Musiker*innen aus anderen Orchestern der Nachbarschaft darunter. Das Arrangement des Liedes Der Mensch als Maß schrieb für mich eine Jazzposaunistin aus Hamburg. Es gab nur wenige gemeinsame Proben, aber die Aufführungen auf dem Bahnhofsplatz wurden von Mal zu Mal besser.

Stadtraum - Flyer Chor Aufruf
Inwiefern spielte das Bauhaus als Inspirator dabei eine Rolle?

Der erste Song, den ich für das Projekt schrieb, heißt Der Mensch als Maß. Damit habe ich versucht, das Zitat von Ernst Neufert „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ in einen Song zu packen. „Glas und Kohle: Schall und Rauch, die Menschen werden hier gebraucht“ ist dabei ein Schlüsselsatz.
Mein Kerngedanke bei dem Projekt war der partizipative künstlerische Prozess, der Eigen-Engagement der Mitwirkenden erfordert und dadurch neue, unerwartete Gemeinschaften entstehen lässt. Wie auch beim Bauhaus steht die gedankliche Freiheit, die durch den künstlerischen Prozess bei den Beteiligten entsteht, klar im Vordergrund.

Welche Stadt hast du anfangs vorgefunden und wie hat sich Dein Bild von Weißwasser verändert durch das Projekt?

Das Projekt war für mich inspirierend und wertvoll. Am Anfang war Weißwasser für mich eine graue, verlassene Stadt mit einem geheimnisvollen sorbischen Namen. Ein bisschen wie ein eingeschlafenes Dornröschen-Schloss aus einer anderen Zeit. Durch die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit den Menschen habe ich nach und nach persönliche Beziehungen aufgebaut und dadurch einen emotionalen Zugang gefunden, um die Stadt zu verstehen und Lieder darüber zu schreiben.
Die Depression und die Unzufriedenheit der Menschen sind zwar überall spürbar, aber gleichzeitig eben auch die Möglichkeiten, die man hier hat, durch den Leerstand, den günstigen Wohnraum und die umliegende Natur. Die Gegend ist geprägt vom Strukturwandel, viele Menschen haben sehr bewegte Biografien, mussten ihren Beruf mehrere Male wechseln, die meisten jungen Leute verlassen die Stadt nach der Schule, weil es keine Arbeit und damit auch keine Perspektive gibt. Aber es gibt auch Menschen, die bleiben oder zurückkommen, weil die Großstädte zu voll sind und sie hier eine Zukunft für sich sehen. Diese Leute muss man stärken, sie sind die neue Mittel von Weißwasser. Vor allem war ich überrascht, wie viele Leute Lust hatten, sich auf so ein Experiment einzulassen, und die kreativ mit unseren Ideen umgegangen sind, wie sehr sie ihre eigenen Ideen mit eingebracht haben.

Stadtraum - Der Chor der Verwandlung
Weißwasser in Ostsachsen ist ein stark politisierter Raum mit vergleichsweise hohen Zustimmungswerten für die AfD, aber auch zahlreichen Gegenbewegungen aus der städtischen Bürger*innengesellschaft heraus. Gab es Punkte, an denen diese Spannungen im Umfeld deiner Arbeit spürbar wurden?

Die Spannungen waren immer wieder spürbar, besonders kurz vor der Stadtrat- und vor der Europa-Wahl, als die AfD die Stadt mit nationalistischen und populistischen Parolen plakatierte. Vor allem das Plakat gegen den Erhalt des Neufertbaus versuchte mit Lügen über angebliche Steuergeldverschwendung gegen unser Projekt Stimmung zu machen.
Es wurde grundsätzlich wenig über die AfD gesprochen, wahrscheinlich aus Angst, mit Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen Konflikte austragen zu müssen.
Diese Angst sitzt tief und es ist schwer, dem von außen etwas entgegen zu setzen, weil wir Künstler*innen ja nicht in Weißwasser leben, sondern nach dem Projekt wieder zurück nach Berlin gehen.
Der Vater eines Kindes aus meinem Chor schrie mich am Telefon an als ich ihm den Text des Lieds Bela Woda erklären wollte. Er war nicht nur erbost über die seiner Ansicht nach zu sexuell aufgeladene Zeile „Ich bin kein Ruinenporno, warum glotzt du mich so an“, sondern wie sich später herausstellte v.a. weil er befürchtete, sein Kind könnte für politische Interessen, also für den Erhalt des Neufertbaus, missbraucht werden.
Zusammen mit Stefan Nolte haben wir dem Vater und der Schulleitung erklärt, in welchem Kontext dieser Text steht, nämlich in Anbindung an den Begriff Ruin Porn, der in den USA benutzt wird für Industrieruinen, z.B. in Detroit, wo Touristen die leerstehenden „nackten“ Fabriken fotografieren. Dieses Phänomen ist mit den Glasfabrikruinen in Weißwasser vergleichbar. Der Song handelt davon, dass ein leerstehendes Haus zu den Menschen singt, es will eben nicht angeglotzt sondern genutzt, mit Leben gefüllt und mit Magie verwandelt werden.
Die Reaktion der Schulleiterin auf die Beschwerde des Vaters war ein Verbot weiterer Proben in der Schule, was ich auf ihre Angst vor Konsequenzen des offensichtlich sehr konservativen und kulturfeindlichen Vaters zurückführe.

Der Neufertbau-Verein und die Freunde des Volkshauses sind zwei im Konflikt stehende Bürgerinitiativen, die für unterschiedliche Kulturpolitische Interessen stehen. Es ist sowohl ein Generationenkonflikt als auch eine kulturpolitische Frage. Der Konflikt liegt in einem gegensätzlichen Kulturverständnis: einerseits werden Kultur und Kunst als Motor für die Zukunft einer vielfältigen, offenen Gesellschaft verstanden. Und andererseits als Garant für den Erhalt von Traditionen und Werten der Vergangenheit.
Interessanterweise waren es ähnliche Konflikte, die auch vor 100 Jahren das Bauhaus herausforderten und schließlich mit der Machtübernahme der NSDAP1933 zu dessen Schließung führte.
Am Tag unserer Premiere bekam der Bürgermeister eine Email von einem Weißwasseraner der behauptete, eine der Künstler*innen, Bernadette La Hengst, sei eine bekannte Linksextreme.
Der Bürger versuchte über die typische Methode der Rechtspopulisten, mit einer Anfrage an den Bürgermeister, die Künstler*innen zu diskreditieren und sie damit in ein schlechtes Licht zu stellen. Das ist ihm in diesem Fall nicht gelungen, denn der Bürgermeister schrieb ihm eine sehr sachliche Email zurück mit dem Hinweis, dass unser Projekt weder linksextrem noch politisch motiviert sei.
Ich bin aktiv in dem Verein Die Vielen, ein Netzwerk aus Künstler*innen und Kulturinstitutionen, die sich zur Aufgabe gemacht haben die Freiheit der Kunst zu schützen und sich gegen Angriffe von Rechts zu solidarisieren.

Was hast Du von Weißwasser und dem Projekt gelernt?

Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, sich auf einen Ort einzulassen und dort Zeit zu verbringen, wenn man ein partizipatives Projekt machen will.
Außerdem wurde ich bestätigt in meiner Überzeugung, dass man mit Kunst diejenigen stärken und selbstermächtigen kann und sollte, die interessiert sind an einer diversen Gesellschaft, in der man solidarisch miteinander lebt.
Gerade die Menschen, die seit Generationen im Tagebau arbeiten und ihre Identität aber auch ihren Arbeitsplatz bedroht sehen, müssen neue Ideen bekommen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen.
Viele Weißwasseraner*innen fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen, trauen der Kohlekommission nicht und haben Angst vor der Zukunft. Dafür ist Kunst und in meinem Fall die Musik ein gutes Ausdrucksmittel und ein magischer Katalysator, mit dem man über Ängste singen und sie damit verwandeln kann.
Ich bin immer noch in Kontakt mit dem Chor der Verwandlung und der Band Zartbitter. Unser Marktplatz Chor-Auftritt auf der Kundgebung gegen die AfD und für Demokratie, Vielfalt und Respekt ein paar Tage vor der Sachsen-Wahl im September hat mich sehr berührt.
Dort waren viele Menschen, die auch in unserem Projekt aktiv mitgewirkt haben. Das ist die Zivilgesellschaft von Weißwasser, die gestärkt werden muss, damit die ewig Unzufriedenen, die nach oben schimpfen und nach unten treten, ihre Macht verlieren. Leider hat die AfD in Weißwasser 30% der Stimmen gewonnen. Das ist bitter, aber das ist auch ein Apell an die anderen70 %, sich noch stärker zu engagieren.
Ich habe großen Respekt vor dem parteilosen Bürgermeister Torsten Pötzsch, der trotz vieler Anfeindungen immer noch im Stadtrat sitzt. Er steht jede Woche auf dem Marktplatz für Bürgergespräche zur Verfügung und er hat verstanden wie wichtig auch die kulturelle Identität für eine Stadt ist.
Aber auch alle anderen Engagierten in Weißwasser, wie das SKZ in der Telux, die Ehrenamtlichen in den Vereinen, der Stadtchor, die Musikschule, die Kirche, die zwei Vereine der Russlanddeutschen, die neu gegründete Freie Schule und alle, die mir jetzt gerade nicht in den Kopf kommen – ihnen allen gebührt Respekt für die Arbeit, die sie für Weißwasser machen, damit die Stadt lebenswert bleibt.

Stadtraum - Zartbitter in concert
Stadtraum - Die Kids haben Spaß>
Wo an dem Projekt hat sich das Modellhafte eingelöst und kann für vergleichbare Projekte produktiv gemacht werden?

Die Werkstattidee ist für ein Stadtprojekt eine sehr gute Methode, um Bürger*innen über einen längeren Zeitraum einzubinden und künstlerisch herauszufordern. Grundsätzlich ist es wichtig, dass in ländlichen Gebieten, die von Strukturwandel und Schrumpfung der Bevölkerung betroffen sind, Kunst und Kultur neue Identitäten schaffen können. Über einen spielerischen Umgang mit der eigenen Geschichte wurden verhärtete Fronten aufgeweicht, Menschen, die jahrelang verfeindet waren, haben wieder miteinander gesprochen, neue Gemeinschaften wurden gegründet, die leerstehenden Häuser wurden bespielt und dadurch plötzlich als Möglichkeitsräume gesehen. Das alles ist ein gelungenes Modell für andere Städte mit ähnlichen Herausforderungen.

Stadtraum - Bernadette auf dem Parcors in Aktion
Was ist dein Lieblingsort in Weißwasser und warum?

Der Maszladen am Marktplatz weil wir dort am meisten Zeit verbracht haben und immer mitten im Geschehen waren. An schönen Tagen konnten wir draußen vor dem Laden in der Sonne sitzen mit einem Kaffee oder Bier und mit den Nachbarn oder Passanten quatschen, da fühlte sich Weißwasser an wie eine lebendige Kleinstadt mit Zukunft, in der man gerne leben möchte.

Die Fragen stellten Ruth Feindel und Paul Brodowsky

Angaben zu Bernadette La Hengst finden Sie unter Info/Künstlerteam

Stadtraum - Innenansicht Maszladen