Ein Theater, das jeden brauchen kann

Der künstlerische Leiter Stefan Nolte erzählt von der Annäherung an die Stadt und von Kulturarbeit in einem politisierten Raum

Initiiert hat das Projekt Holger Schmidt, der Dich angefragt hat, ob Du im Rahmen von Bauhaus 100 ein Projekt zum Neufert-Bau entwickeln möchtest. Wie kam es dann dazu, dass ein Stadtprojekt daraus wurde?

Stefan Nolte: Als wir anfingen, uns mit dem so genannten ,Neufert-Bau‘, einem ehemaligen Glaslager, zu beschäftigten, ging es uns darum, dieses Bauhaus-Erbe auf seine Potentiale für Gegenwart und Zukunft hin zu befragen. Anfangs war uns noch nicht so recht klar, woran man da heute in post-industrieller Zeit anknüpfen könnte. Und worin genau überhaupt dieses Erbe bestand.
Beim Blick zurück merkten wir, dass der Neufert-Bau mit seinem Anspruch auf verbesserte Effizienz nur zu verstehen ist innerhalb eines Systems von Bezügen: Bahnhof und Bahnlinien, umliegende Glashütten, Kohle- und Sandgruben, Wohnquartiere der Arbeiter, Angestellten und Werksleiter etc. Außerdem wurde schnell klar, dass Neuferts Wirken in Weißwasser ohne Wagenfeld nicht denkbar gewesen wäre. Als künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) hatte Wagenfeld Neufert ja an die VLG vermittelt, der dann dort Hausarchitekt wurde.
Wagenfeld und Neufert hatten damals große Hoffnungen in die industrielle Fertigung gesetzt, die an einer besseren, sozialeren Gesellschaft mitwirken sollte. Im Gegensatz dazu waren wir 2018 konfrontiert mit inzwischen nutzlos gewordenen Ruinen, den Erzählungen vom Ende der Glasindustrie und den drängenden Fragen nach Transformation und Zukunft. Das betraf nicht nur den Neufert-Bau, sondern die gesamte Stadtentwicklung. Und er war nicht das einzige ehemals funktional wichtige Gebäude, um das öffentlich gerungen wurde, als wir in die Stadt kamen. Erst kürzlich hatte die Stadt den Bahnhof zurückgekauft und Pläne zu seiner Umgestaltung in Auftrag gegeben, gerade wurden Teile des ehemaligen Glaskolbenwerks zum Soziokulturellen Zentrum (SKZ Telux) umgebaut und es gab den Plan, auch das Glasmuseum dorthin zu verlegen. Die alte Glasfachschule kam als Standort für die Neugründung einer Freien Schule ins Spiel und ein Verein wollte das Volkshaus als Kultur- und Wohnhaus wieder öffnen. Dabei gerieten die einzelnen Initiativen auch aufgrund der angespannten Haushaltslage der Stadt schnell in Konkurrenz zueinander. Eine einseitige Fokussierung von uns auf den Neufert-Bau hätte das weiter angeheizt. Und als Zeichen eines Wandels von unten erschienen uns diese Vorstöße alle gleichermaßen relevant zu sein.
Auf der Suche nach dem, worin das Erbe der beiden Bauhäusler für die brennenden Fragen der Gegenwart also produktiv werden kann, fanden wir dann eine Antwort in Wagenfelds Nachdenken darüber, was die Menschen brauchen, wie ein guter Gebrauch aussieht und wie er zu entwickeln und zu gestalten sei.
Das war inspirierend, denn auch aktuell ging es doch um die Frage des Neu-Gebrauchs. Jetzt nicht mehr bezogen auf die Glasgestaltung und die Neu-Organisation ihrer Prozesse, sondern auf die Stadt selbst. Eine Stadt, die sich ganz aus der Industrie heraus entwickelt hatte, suchte jetzt nach ihrer postindustriellen Re-Formatierung.
Um diesen laufenden Umwandlungsprozess zu unterstützen hatte die Stadt gerade die „Vision Weißwasser/ O.L. 2035“ als offizielles Leitbild beschlossen. Darin waren wesentliche Orte benannt, die es für die Stadt neu zu besetzen galt. Das war ein weiterer wichtiger Impuls.

Stadtraum - Sie werden kühn gelebt haben
Wir als künstlerisches Team haben uns viel mit der Frage auseinandergesetzt, wie „Modellfall Weißwasser“ von der Stadt und seinen Bürger*innen aus gedacht werden kann – und nicht von Berliner Künstler*innen, die mit dem Masterplan in der Tasche anreisen. Welche Strategien wurden dazu implementiert?

In Konzeption und Antrag haben wir Fragestellung, Methode und künstlerische Konstellation beschrieben, nicht aber konkrete Ergebnisse. So konnte die Form aus den Begegnungen heraus entstehen. Zudem stellt die Projektidee den Blick der Bürger*innen auf einen neuen Stadtgebrauch in den Mittelpunkt. Sie sollten nicht Material der Künstler*innen sein, sondern Individuen, die ein Anliegen mit ihrer Stadt verbindet.
In der Recherchephase haben wir uns von Bürger*innen die Stadt zeigen und Spuren der Industriegeschichte erklären lassen, mit Schulkindern haben wir Stadträume spielerisch untersucht. Unsere forschende Haltung rückte die Perspektiven dieser Stadt-Expert*innen in den Mittelpunkt und machte ihre Lebensgeschichten wertvoll.
Die beteiligten Künstler*innen wurden als Werkstattleiter*innen engagiert und waren gefordert, Teilnehmer*innen in Weißwasser zu finden. Es gab kein Ensemble, dass wir mitgebracht hätten, bis auf Wagenfeld & Neufert, unsere beiden Schauspieler. Die Werkstattphase umfasste einen Zeitraum von 6 Monaten und berücksichtigte, dass Proben oft nur einmal pro Woche stattfinden konnten.
Wir haben masznehmen#1 und #2 – die Veranstaltungen im Vorfeld des Parcours – aus dem Prozess heraus relativ kurzfristig geplant. So konnten wir aufgreifen, was anstand und Stadtakteure mit ihren eigenen Anliegen einbinden.
Wir haben jeden eingeladen mitzumachen und dann versucht, die richtige Aufgabe zu finden. Heimliches Motto war für uns ein Satz aus dem berühmten Schlusskapitel in Franz Kafkas Roman Der Verschollene. Darin verspricht ein Aufruf des „Naturtheaters von Oaklahoma“: „Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!“

Welche Rolle spielte das Prozessbetonte dabei?

Das war auf verschiedenen Ebenen ganz entscheidend. Ohne das Vertrauen auf den Prozess wären wir nicht weit gekommen. Die Form schälte sich mit der Zeit aus den Begegnungen – auch den zufälligen – heraus. Die jeweilige Aufgabe und der richtige Ort des Einsatzes mussten erst miteinander gefunden werden.
Parallel entwickelten sich konzeptionelle Gedanken zur Themensetzung für die verschiedenen Spielorte. So entstand ein ständiges Oszillieren zwischen Konzept, den Ideen der beteiligten Künstler*innen und den konkreten Begegnungen: Was ist vor Ort da? Was ist möglich? Was könnte sein?
Gleichzeitig war jede Gruppe wieder anders. Die Russlanddeutschen von Miteinander e.V. brauchten eher schnell eine konkrete Aufgabe, während wir mit den Schülern der Schauspieltastischen monatelang gemeinsame Raumerkundungen machten, bevor Aufgabe und Spielort des Parcours feststanden. In der Probenarbeit musste man einfach sehen, wie weit man kommt.
Auch die Kollaborationen zwischen den Künstlern hätten sich ohne das Vertrauen auf den Prozess nicht ergeben können. Erst durch die gemeinsame Auseinandersetzung entstanden hier Synergien wie etwa beim Scherbentanz zwischen Tanz und Film oder beim Trimm-Dich-Pfad für Leib und Seele zwischen bildnerischen und Bewegungs-Elementen. Selbst die Genehmigungen für die Spielorte hätten wir von der Stadtverwaltung nicht ad hoc bekommen. Es musste Vertrauen entstehen und inhaltliches Verständnis für unser Vorhaben.
Um den Prozesscharakter auch vor Publikum zu betonen, gab es die Idee, dass die Zuschauer nicht End-Ergebnisse präsentiert bekommen, sondern Werkstattbesuche machen. Der Prozess war immer Teil der Kunst.

Welche Stadt hast du anfangs vorgefunden und wie hat sich Dein Bild von Weißwasser durch das Projekt verändert?

Ich war sehr gespannt auf die Stadt, von der es hieß, sie hätte deutschlandweit die größte Dynamik von Wachstum und Schrumpfung. Vielleicht auch deshalb suchte ich erst mal nach Entsprechungen: Die abgerissenen Plattenbauviertel zwischen leeren Straßenquadern, die Ruinen der Glasfabriken, die stillgelegten Bahntrassen und die leeren Schaufenster beim Gang durch die Stadt. Ich fand die Stadt merkwürdig weitläufig, leer, nicht richtig zu fassen und suchte nach dem Zentrum.
Die ersten Begegnungen waren dann ganz anders. Offene und zupackende Menschen, die sich für die Stadt engagierten und uns die Türen öffneten. Ältere, die darüber nachdachten, wie das Gedächtnis der Glasindustrie zu bewahren sei. Großstadtflüchter, die hier ein neues Leben entwarfen. Und das Vereinsregister war lang. Ich hatte das Gefühl: Die Arbeit an der Zukunft hat hier schon begonnen. Und hinter den Fassaden der leerstehenden Gebäude entdeckten wir Engagement und lebendige Konflikte.
Andererseits gab es den Einwand, wir würden doch wieder nur „die nächste Projektsau durchs Dorf treiben“. Und Warnungen, die Weißwasseraner seien nicht leicht zu begeistern. Wo sollten denn bitteschön Beteiligte und Publikum herkommen?
Im Laufe des Projekts wurden die Debatten um den Kohleausstieg und den bevorstehenden Strukturwandel immer spürbarer. Die Kohlekommission besuchte die Stadt, Kohle-Kumpels aus dem gesamten Bundesgebiet kamen zur Kundgebung, Parteien und andere politische Akteure skizzierten unterschiedliche Versionen der Zukunft für die Lausitz und das Abbaggern des Nachbardorfs wurde auf Eis gelegt.
Parallel bekamen wir von ehemaligen Glasarbeiter*innen Geschichten von der sukzessiven Stilllegung der Glasindustrie nach 1989 erzählt, dem Versagen der Treuhand und den dadurch verursachten, teils heftigen biografischen Brüchen der Menschen mit denen wir sprachen. Diese Wunden waren noch nicht verheilt und Vertrauen in „die da oben“ nicht wieder hergestellt. Eine Stadt, die den Strukturbruch der 1990er Jahre noch nicht verarbeitet hatte, musste sich jetzt für den nächsten rüsten.
Als es darum ging, aktive Mitstreiter aus Kunst und Kultur zu finden, wurden die Folgen des Kulturabbaus der letzten 20 Jahre deutlich. Es gab z.B. weder Schultheaterangebote noch eine Amateur-Theatergruppe. Viele junge Leute und potentielle „Macher*innen“ gingen nach der Schule weg. Zudem war Weißwasser eine Industrie- und Sportstadt und wir merkten, dass das Verständnis für den Wert von Kultur, Kunst und das eigene Bauhaus-Erbe nicht ohne weiteres vorauszusetzen war. Das war ein Moment der Ernüchterung. Aber mir wurde auch klar, wie richtig der Modellfall gerade hier war. Und dann waren eben zum Glück wieder Verbündete aus der Stadt da. Und wurden mehr. Meine Bewunderung für diese engagierten Leute ist immer größer geworden, je mehr ich die Widerstände kennenlernte.

Stadtraum - Lagerfeuer auf der Schnitterbrache
Weißwasser in Ostsachsen ist ein stark politisierter Raum mit vergleichsweise hohen Zustimmungswerten für die AfD, aber auch zahlreichen Gegenbewegungen aus der städtischen Bürgergesellschaft heraus. An welchen Punkten wurden diese Spannungen im Umfeld während des Projektverlaufs spürbar?

In der Antrags- und Vorbereitungsphase stellte die Wählerinitiative Klartext den Oberbürgermeister. Vor Projektbeginn wurde er für weitere 7 Jahre wiedergewählt. Wir sahen darin ein gutes Signal für den Modellfall. Der Gegenkandidat hatte versprochen, sich für das leerstehende Volkshaus einzusetzen, Pötzsch dagegen wurde als Neufert-Bau-Förderer dargestellt. Die klamme Haushaltslage durch Vattenfalls Rückzug aus dem Kohlebergbau schürten zusätzlich die Verteilungskämpfe.
Die Versuche, hier zu polarisieren, setzen sich nach Pötzschs knapper Wiederwahl fort. Mit der Lichtbrücke zwischen Neufert-Bau und Volkshaus setzen wir ein neues Zeichen. Wie es überhaupt die Strategie des Modellfalls war, nicht weiter zu polarisieren und Parolen zu schwingen, sondern zusammenzubringen und durch konkretes Handeln Brücken zu schlagen. Und es begann tatsächlich ein Dialog zwischen den Vereinen des Neufert-Baus und den Unterstützern des Volkshauses, zu dem der OB in unseren Maszladen einlud.
Die bevorstehenden Stadtratswahlen kurz vor dem Parcours verschärften das politische Klima wieder. Die AfD griff den Konflikt auf. Per Hauswurfsendung kam in jeden Haushalt eine Postkarte, auf der dem Betrachter suggeriert wurde, dass die Stadt in die hässliche Ruine des Neufert-Baus investiert, während wichtige Dinge auf der Strecke blieben. (Was nicht stimmte.) Ein hausfassadenhohes Plakat hing über Nacht gegenüber der AfD-Zentrale in Sichtweite des Neufert-Baus und unterstellte dem OB Lobbyismus: „Neufert-Bau stoppen. Filz verhindern.“ Die AfD stritt zugleich ab, damit etwas zu tun zu haben.
Die Auswirkungen der Kampagne bekamen auch wir zu spüren.
Es gab einen Vater, der seinen Kindern verbieten wollte, beim Parcous am Neufert-Bau zu musizieren und eine Schulleiterin, die uns ihre Unterstützung entzog. Es wurden Briefe ins Rathaus geschrieben, in denen uns „üble Machenschaften“ und Selbst-Bereicherung auf Kosten der Bevölkerung unterstellt wurden. Das war die Zeit, in der ich davon träumte, geteert und gefedert aus der Stadt gejagt zu werden. Aber die gute Stimmung kippte nicht – ganz im Gegenteil. Alle Beteiligten aus der Stadt solidarisierten sich um so mehr mit uns und der gemeinsamen Arbeit. Und die Begeisterung übertrug sich auf die Zuschauer.

Was würdest Du mit Deinem Erfahrungswissen heute anders machen, wenn Du ein vergleichbares Projekt angingst?

Für den Modellfall wäre auf jeden Fall eine Art Botschafter oder Kulturvermittler im Team sinnvoll gewesen. Der hätte gleich ab Projektstart in Schulen, Ausbildungsstätten, Vereinen etc. vom Projekt erzählen, kleine praktische Angebote und Führungen anbieten, Gespräche mit den Künstlern oder Probenbesuche organisieren und zum Mitmachen einladen können.
Die Vernetzung und Vermittlung in die Stadt kann nicht früh genug erfolgen – gerade in Regionen, wo Kultur nicht fest verankert ist. Wie bricht man die Inhalte des Projekts runter, damit die Botschaft ankommt? Welches Wissen kann vorausgesetzt werden? Wie erreicht man die Menschen in der Stadt? Tageszeitungen werden oft nicht mehr viel gelesen, andererseits erreicht man Ältere nicht unbedingt über Social Media-Kanäle. Auch Lokalradios und Wochenblätter können wichtige Partner sein. Man sollte die Lage gleich bei Projekt-Beginn vor Ort analysieren und dafür den richtigen PR-Menschen im Team haben. Auch überregionale Berichte sind wichtig, denn mit einem großen Beteiligungsprojekt ist es schwer zu touren. Und das Gefühl, dass die Welt ausnahmsweise mal mit anerkennendem Blick auf sie schaut, kann die Bürger*innen zusätzlich motivieren.
Zudem ist es in einer materiell geprägten Stadt mit wenig Kulturangebot unbedingt ratsam, die eigene Finanzierung gleich offen zu legen und den Gewinn für die Stadt offensiv darzustellen. Es braucht Geduld und gute Argumente, um zu erklären, warum die Künstler*innen Geld für ihre Arbeit bekommen, die Stadtbeteiligten aber nicht, und warum das Publikum Eintritt zahlen soll.
Unschätzbar wertvoll ist es, im Team Leute aus der Region zu haben. Gleichzeitig ist es im ländlichen Raum nicht einfach, qualifizierte Leute zu finden, die temporär ins Projekt einsteigen können. Man sollte umliegende Städte mit Hochschulen, Theatern oder anderen Kulturinstitutionen in die Suche einbeziehen. Möglichst auch Erfahrungen nachfragen von Projekten, die schon in der Region stattgefunden haben. Das braucht Zeit, die man sich vor Beginn nehmen muss. Und wichtige Säulen des Projekts – z.B. Produktionsleitung oder Ausstattungsassistenz – muss man vielleicht trotzdem in der Großstadt casten. Bevor es losgehen kann, muss das Kern-Team komplett und die Leitungsaufgaben auf genügend Schultern verteilt sein.
Wenn wie beim Modellfall mehrere Künstler*innen beteiligt sind, die eigenständig mit Menschen vor Ort aber auch als Team gemeinsam arbeiten sollen, sind langfristig verabredete Präsenzzeiten und Teamtreffen unbedingt ratsam. Auch wäre vorbereitend ein Austausch über die unterschiedlichen künstlerischen Beteiligungs-Strategien und über mögliche Konflikte bei der integrativen Arbeit sinnvoll. Wie umgehen mit Seximus, Homophobie und Rassismus? Wo sind die roten Linien für eine Mitwirkung?
Ich hätte mir gewünscht, die an den sieben Spielorten ganz unterschiedlich beteiligten Gruppen während des Projekts noch mehr zusammenzubringen. Die Kantine an der Bauhütte, der wöchentliche Grillabend der Volksküche, Filme zum Thema … Das wäre auch eine schöne Form von Anerkennung für die Mitstreiter*innen. Dazu muss es allerdings auch die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen geben, die man von vorne herein kalkulieren muss. Wir waren schon sehr am Limit. Verbundenheit und Identifikation werden auch weiter gestärkt, wenn man den Beteiligten ermöglicht, mal die Bespielungen aller anderen Orte mitzuerleben.

Wo an dem Projekt hat sich das Modellhafte eingelöst und kann für vergleichbare Projekte produktiv gemacht werden?

In der Bezeichnung als „Modellfall“ liegt ja auch etwas augenzwinkernde Ironie. Es soll ja gerade nicht darum gehen, den Menschen einer Region Modelle überzustülpen. Das Modellhafte liegt eher im offenen, forschenden Blick, im neugierigen Zugehen auf die Menschen, im Eintauchen in die Stadt im Vertrauen darauf, dass daraus schon etwas entstehen wird: Das finde ich immer wieder neu spannend und notwendig, bevor daraus Kunst entstehen kann.
Wir haben in die Recherchephase Schüler und Zeitzeugen einbezogen und die Recherchen z. B. mit der Bautafel-Aktion in der Stadt sichtbar gemacht. Das schafft Aufmerksamkeit, stiftet Beziehungen und kann Impulse für den weiteren Prozess geben. Der Maszladen mit festen Öffnungszeiten und Komplizen vor Ort waren extrem wichtig, um in der Stadt anzukommen. Über ein ganzes Jahr mit verschiedenen Veranstaltungsformaten präsent zu sein, war notwendig, um Interesse zu wecken, Beteiligte zu gewinnen und gemeinsam Erfahrungen zu sammeln. Die Kreise sind nach und nach größer geworden.
Den Modellfall und seine Themen mit den beiden Schauspielern als Wagenfeld und Neufert von Anfang an spielerisch zu vermitteln, bot den Menschen eine attraktive, niederschwellige Zugangsmöglichkeit. Das interdisziplinäre Künstlerteam ermöglichte, ganz unterschiedliche Gruppen einzubinden, Orte vielseitig zu bespielen und Synenergien zu nutzen. Das Werkstatt-Prinzip über mehrere Monaten hinweg ist wichtig für die Arbeit mit Laien und Vereinen, die sich nur wöchentlich treffen. Aber auch schnelle Formate mit wenig Probenaufwand oder Wochenend-Workshops können toll sein. Und man braucht künstlerische Konzepte, in denen die Bürger*innen in einer spannenden Form zu einem Teil des Kunstwerks werden.
Dann: Raum und Zeit geben, um die Menschen ihren Platz finden zu lassen. An ihre Mündigkeit appellieren und ihre Eigeninitiative stärken. Ihre Impulse aufnehmen und auf die entstehende Dynamik vertrauen. Und hier und da Strukturen aufbauen, die nach dem Projekt noch haltbar sind. Wir haben z.B. die Bauhütte am letzten Tag des Parcours an die Stadt übergeben, nach dem Modellfall wurde sie mit kleinen Veranstaltungen weiter bespielt. Die neu gegründete Theaterwerkstatt in der Telux hat mit dem Modellfall einen Anschub bekommen. Die Volkshausfreunde haben danach einen Filmabend veranstaltet. Neufert-Bau-Verein und Volkshausfreunde treffen sich jetzt regelmäßig und planen eine gemeinsame Aktion. Der Stadtchor hat Bela Woda in sein Repertoire aufgenommen …
Auf Dauer gestellt könnte so auch der Modellfall eines Stadt-Theaters für Regionen in Randlage aussehen. Im Zentrum steht dann nicht das Ensemble mit seinem Repertoire und dem Theatergebäude, sondern die Bürger*innen der Stadt, ein schlagkräftiges kleines Team und die brennenden Fragen der Stadt.

Was ist dein Lieblingsort in Weißwasser und warum?

Die Glasfachschule und ihr Park mit den herrlichen alten Bäume. Ein Freiraum, der inspiriert und Platz für neue Visionen hat. Und dann gibt es noch die geheimen, stillen Orte: Die bunten Seen im Wald, die ich viel zu spät entdeckt habe.

Was hast Du von Weißwasser und dem Projekt gelernt?

Hier in der Provinz werden die großen Zukunftsdebatten geführt. Kunst ist dafür ein wichtiges Medium. Das gerät durch den fortgeschrittenen Kulturabbau in den Randlagen immer mehr in Vergessenheit. Pessimisten und Miesmacher gewinnen die Oberhand. Der Modellfall hat mir gezeigt, welches Potential darin liegt, Vergangenheit und Zukunftsfragen einer Stadt kollektiv mit Mitteln der Kunst zu bearbeiten. Und wie notwendig das ist. Es lebe der Kulturkampf!

Die Fragen stellten Ruth Feindel und Paul Brodowsky

Angaben zu Stefan Nolte siehe Info/Künstlerteam

Stadtraum - Winteransicht Teich mit Kraftwerk