Dieses Nicht-mehr-/ Noch-nicht-Gefühl des Ortes als produktiver Freiraum

Die Filmemacherin Constanze Fischbeck über ihre Erfahrungen in Weißwasser

Mit welchen Leuten aus Weißwasser hast du gearbeitet und was ist dabei entstanden?

Constanze Fischbeck: Ich habe einige Weißwasseraner*innen als Gesprächspartner*innen für Interviews für den Film Modellfall Weißwasser angefragt, mit der Idee, dass sie die Geschichte der Stadt aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen. Ausschlaggebend für die Anfrage wurden zwei Aspekte. Zum einen ist mir in Weißwasser ein starkes bürgerschaftliches Engagement aufgefallen und ich habe nach Menschen gesucht die sich über ihr Privatleben hinaus in die Stadt einbringen. Zum anderen habe ich mich für die Wandlungen des Verständnisses von Eigentum in Weißwasser interessiert. So kam es, dass ich z.B. mit dem Immobilienmakler Sven Staub, dem Geschäftsführer der Telux Andreas Nelte und mit der Geschäftsführerin und Besitzerin des Hotel Kristall Christina Piche sprechen konnte.

Andere Kollaborationen für filmische Arbeiten sind über die Zusammenarbeit mit Jochen Roller und Bernadette la Hengst und deren Gruppen entstanden. So konnte ich mit ihnen und den Crystal Eagles, der Yoga-Gruppe und der Band Zartbitter drehen.

Welche Stadt hast du anfangs vorgefunden und wie hat sich Dein Bild von Weißwasser verändert durch das Projekt?

Der erste Blick wurde dominiert von dem, was der Stadt durch die Deindustrialisierung und Abwanderung der letzten Jahrzehnte inzwischen fehlt. Über die Zeit habe ich die Potenzialität des Ortes kennengelernt.

Stadtraum - Straßenszene
Weißwasser in Ostsachsen ist ein stark politisierter Raum mit vergleichsweise hohen Zustimmungswerten für die AfD, aber auch zahlreichen Gegenbewegungen aus der städtischen Bürger*innengesellschaft heraus. Gab es Punkte, an denen diese Spannungen im Umfeld deiner Arbeit spürbar wurden?

Von Weißwasser ist mir zuallererst die Hochachtung vor dem bürgerschaftlichen Engagement einer großen Gruppe von Menschen geblieben, die ich durch das Projekt kennengelernt habe. Dieses Engagement kommt in den Medien kaum vor. Ich habe gelernt, dass die traditionellen Parteien in den ländlichen Kreisen fast bedeutungslos geworden sind. Die Kommunalpolitik wird zwischen der AfD und lokalen Wählervereinigungen erstritten.
Durch das Interview mit dem Sozialarbeiter Christian Klämbt habe ich die Stadtgeschichte Weißwassers über die Jugendbewegungen der letzten 30 Jahre erfahren, dies war enorm bereichernd, um die gegenwärtigen polarisierenden politischen Entwicklungen in dieser Region besser zu verstehen. Sie sind der Stadt in Zeichen wie Plakaten und Graffitis eingeschrieben.
Ich habe in Weißwasser zunächst hauptsächlich nach Eigentumsfragen, nach den Treuhand-und Privatisierungs-Folgen, sowie nach dem Wandel des Landschaftsbegriffs recherchiert und bin so auf noch viel mehr spannende Themen gekommen.

Stadtraum - Graffitti: Das Masz aller Dingeh
Wo an dem Projekt hat sich das Modellhafte eingelöst und kann für vergleichbare Projekte produktiv gemacht werden? Inwiefern spielte das Bauhaus als Inspirator dabei eine Rolle?

Weißwasser hat im bundesdeutschen Vergleich die höchste Wachstums- und Schrumpfungskurve in kürzester Zeit aufzuweisen. Schon allein das macht Weißwasser zu einem anthropozänen Modellort für die Folgen von Industrialisierung und Deindustrialisierung, bezogen auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Aus meiner Sicht ist die Arbeit von Wagenfeld und Neufert als Bauhausschüler und Industriegestalter Teil dieser Geschichte. Sie waren herausragende Persönlichkeiten und gleichzeitig Kinder ihrer Zeit. Nach zwei Systemwechseln ist das klar sichtbar geworden.
Wir haben u.a. das Motto: „Der Mensch ist das Masz aller Dinge“ Wagenfelds aufgegriffen und in meinen Augen zeigte sich, dass, wenn man ihn auf das Verhältnis Mensch-Natur anwendet, gerade in Weißwasser diese Schieflage deutlich geworden ist. Nach dem weitgehenden Zusammenbruch der Glasindustrie blieb der Tagebau als alleiniger Großarbeitgeber übrig.
Partizipative Stadtprojekte versuchen Impulse an Bürger*innen zu geben, um immer wieder vom Opfer der Umstände zum Gestalter oder zur Gestalterin ihrer Umstände zu werden. Ich glaube, dass wir unser Projekt ohne die Arbeit der Weißwasseraner Bürgerinitiative Klartext, die u.a. den Bürgermeister stellt, nicht hätten umsetzen können. An ihre Arbeit haben wir uns quasi angedockt und unsere Impulse einbringen können.

Stadtraum - TTagebau Nochten
Was ist dein Lieblingsort in Weißwasser und warum?

Einer meiner Lieblingsorte ist der Turm am schweren Berg. Das ist der – auch architektonisch sehenswerte – Aussichtsturm der einen beeindruckenden Blick auf den Tagebau Nochten bietet. Von dort oben wird die Lage und Einbettung Weißwassers verständlich. Gleichzeitig war ich fasziniert, das es ein Treffpunkt für die Jugendlichen Weißwassers ist. Die Lage am Stadtrand und die Weite des Tagebaus funktionieren wie ein Seeufer, wo man mit Autos, Freunden, Getränken und Musik am Abend abhängen kann. Dieser Ort vereint die Paradoxität von Umweltzerstörung und Freiheitsgefühl und zwingt uns, über die Zukunft nachzudenken.
Ebenso das alte Telux-Gelände. Hier findet man z.B. das Arbeitsamt, das Soziokulturelle Zentrum und Privatinitiativen wie eine Tuning-Werkstatt nebeneinander und immer noch gibt es viel Platz. Das Nicht-mehr-/ Noch-nicht-Gefühl des Ortes vermittelt Potenzialität – viel mehr als Hoffnungslosigkeit. Diese Orte kann man sich aneignen. Und genau das gibt es in Berlin fast nicht mehr.

Stadtraum - Plakat: Es wird wieder nichts geworden sein
Die Fragen stellten Ruth Feindel und Paul Brodowsky

Angaben zu Constanze Fischbeck sie Info/Künstlerteam