Was bleibt? Stimmen der Beteiligten

Um herauszufinden, was am Modellfall Weißwasser tatsächlich modellhaft bzw. für die Stadt und ihre Akteur*innen nachhaltig war, haben wir den Mitwirkenden aus Weißwasser zur Auswertung zwei Fragen gestellt:

  1. Was hat das Projekt Modellfall Weißwasser für dich verändert?
  2. Welche Spuren hinterlässt das Projekt in der Stadt?

Der Modellfall Weißwasser hat gezeigt was man bewegen kann, wenn viele Leute am gleichen Projekt arbeiten und Kräfte gebündelt werden. Bisher gab es viele Einzelinitiativen und den unerfüllten Wunsch mehr miteinander zu arbeiten. Ein Projekt dieser Dimension wäre im Alleingang nicht machbar gewesen. Das Projekt war sozusagen Generalprobe und Beweis dafür in einem was möglich ist wenn alle zusammen an einem Strang ziehen. Wir haben acht Wochen nach Ende des Modellfalls im Volkshausgarten einen Filmabend veranstaltet und treffen uns nun regelmäßig in der IG Neufertbau-Volkshaus die während des Modellfalls gegründet wurde. Gut war auch, dass Leute von außerhalb auf die Stadt, die Menschen, die Probleme geschaut haben. Die Einheimischen haben in manchen Sachen einen gewissen Tunnelblick, ihr habt uns und unsere Stadt aus einem anderen Blickwinkel gesehen.
Auch wurden Dinge möglich die früher undenkbar waren, z.B. die Wolfsführung im Volkshaus. Es gab Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet, die überrascht waren, dass auch Weißwasser zwei Bauhäuser besitzt, somit war das auch gut für die Außendarstellung der Stadt, die von Einheimischen oftmals negativ bewertet wird.

Olaf Schober (48 Jahre), CNC-Programmierer & CNC-Fräser;
Projektmitwirkung: Vorbereitung des Theaterparcours, Aufräumaktionen, Volkshaus, Die Schauspieltastischen
Stadtraum - Neufertgarten

Bademeister „Bombe“ ist eine benchmark / es sollte jährlich ein Camp der Seilschaft hinterm Neufert-Bau geben.
Spuren verwischen, doch der Virus hat den ein oder anderen befallen – mal sehen, wann er wieder ausbricht...

Gregor Schneider (43 Jahre), Stadt- und Regionalplaner, lebt seit 2016 wieder in Weißwasser;
Projektbeteiligung: Beratung, Neufert-Bau, Bauhütte
Stadtraum -Bademeister Bombe

Vielleicht ein wenig mehr Identifikation mit der Heimatstadt? Einerseits das wiedererweckte Bewusstsein zur Bedeutung der Stadt in der Vergangenheit – die Glasindustrie, die Persönlichkeiten die Geschichte schrieben, andererseits, bezüglich der persönlichen Wurzeln … im Alltag nicht vergessen, woher ich komme, wohin ich (vielleicht) gehen möchte, den Sinn der eigenen Tätigkeit nicht in Frage zu stellen, wenn man sie gern ausübt; Kreativität ausleben, eigene Ideen einbringen & umsetzen und Mut zu größeren Projekten aufbringen. Es hat mich reicher gemacht, mit Gleichgesinnten zusammenarbeiten und zu erleben, dass die eigene Arbeit ein Teil eines großen Ganzen ist. Und ich habe verstanden, wie schwer ist es, andere zu motivieren. Ich werde in Zukunft besser akzeptieren, dass ich nicht erwarten kann, dass sich Andere ebenso für eine Sache begeistern wie ich. Dieses Problem scheint in jeder Projektarbeit zu stecken. Ich werde die Stadt auch weiterhin als Bühne sehen, wo man alte Orte neu entdecken kann.
Zum einen hinterlässt das Projekt sichtbare Spuren: die Bauhütte, Skulpturen, Fensterbilder etc. Zum anderen Ideelles: es hat Menschen zusammengeführt, die nun hoffentlich auch in Zukunft weiter zueinander finden und evtl. gemeinsame Projektideen entwickeln und umsetzen. Es hat auch Menschen integriert, die nichts damit zu tun haben wollten. Es wird immer noch davon gesprochen. Dem Projektteam wünsche ich, dass weiterhin etwas Verwandlungsenergie in Weißwasser verbleibt. Menschen, die sie spüren, werden sie nutzen.

Sabine Gutjahr, Designerin/Glasgestaltung und freiberufliche Künstlerin, im Leitungsteam der Station Junger Naturforscher und Techniker im Projekt "KoloriWeekends" (deutsch-polnische KunstCamps);
Projekt-Mitwirkung: Internationale Kunst-Station, Glaskunst-Werkstatt, Glasfachschule
Stadtraum - Skulpturengarten

Das Projekt hat mir eine bisher nicht gekannte Wahrnehmung der Stadtbesonderheiten vermittelt. Durch die „einseitige“ Betrachtung der Stadt aus der Sicht des Denkmalschutzes, habe ich die von Ihnen und Ihren Mitstreitern vorgenommene Betrachtung der ausgewählten Objekte und die Verbindung aller miteinander durch den Stadtparcours als sehr vorteilhaft gesehen und erlebt, wie man damit die Bürger und Besucher besser für die Stadt sensilibieren kann. Besonders bei den Objekten „Neufertbau“ und „Volkshaus“ ist die vorher sehr starke Polarisierung für das eine oder andere gemildert worden und daraus ist eine Arbeitsgemeinschaft Volkshaus und Neufertbau geworden, die immer noch aktiv arbeitet. Zum Beispiel laufen momentan zwei Projekte zu diesen Objekten, die gefördert werden, um eine gemeinsame Ausstellung beider Objekte und eine Darstellung von „Steckbriefen“ von Neufert, Wagenfeld und Emil Lange im direkten Bezug dieser drei unterschiedlichen Bauhausvertreter zur Glasindustrie aufzuzeigen. Vor dem Modellfall Weißwasser wäre so etwas sicher kaum möglich gewesen.

Günter Segger (80 Jahre), Starkstromelektriker, Ingenieur für elektrische Energieanlagen & Kraftwerkstechnik, seit 2003 Rentner, seit 2002 Leiter der Denkmalkommission Weißwasser, von 1999-2012 Stadtrat gewesen.
Projektbeteiligung: Beratung, Volkshaus, Wolfsführung
Stadtraum - Interview mit Günter Segger

Außer dem Momentum, während des Modellfalls gebraucht zu werden, hat sich für mich nichts nachhaltig geändert, weil in dieser Stadt alles weiterhin seinen Gang geht. Von Euphorie und Mut zum Verändern zu Angst um die Zukunft bei meinen Mitbürgern.

Peter Sievers(71 Jahre) hat als Meister in der Kraftwerkstechnik gearbeitet;
Projektbeteiligung: Freunde des Volkshauses/ Frühlingsputz, Parcours

Das Gefühl, während des Modellfalls gebraucht zu werden, mitwirken zu dürfen. In den Gesprächen mit Mitbürgern im Nachhinein wurden Lob und Anerkennung ausgedrückt.

Christine Sievers(68 Jahre) hat als Schichtleiterin im Kraftwerk Boxberg gearbeitet;
Projektbeteiligung: Freunde des Volkshauses/ Frühlingsputz, Parcours

Ich habe mehr über Weißwasser gelernt und denke mehr über unsere Stadt nach.
Das Projekt hat die Stadt an sich nicht verändert, aber die Bewohner haben mehr über ihre Stadt gelernt.

Meike Schwiertz (12 Jahre) Schülerin;
Projektbeteiligung: theatrale Recherche, Schaufenstergestaltung, Theater der Schauspieltastischen am Volkshaus
Stadtraum - Meike Schwiertz auf der Treppe des Volkshauses

Erst wusste ich nicht ganz genau, was ich mit dem Projekt anfangen soll. Aber je mehr ich mich damit befasst habe, umso größer wurde mein Interesse. Dabei habe ich viel über die Bauhausgeschichte erfahren, aber es ging ja auch um die Wiederentdeckung der Glasgeschichte unserer Stadt. Diese liegt mir persönlich sehr am Herzen und außerdem spielte das Volkshaus, das als Kulturhaus der Arbeiter im Dornröschenschlaf liegt, eine Rolle. Dieser Dornröschenschlaf muss beendet werden. Ich habe während des Projekts nette Menschen kennengelernt, di mit viel Enthusiasmus Veränderungen in unserer Stadt in Gang gesetzt haben. Deshalb musste ich einfach dabei sein und habe es nicht bereut.
Anfangs gab es sehr viel Skepsis bei den Bürgern, weil die Finanzierung nicht richtig erklärt wurde und Weißwasser für solche Projekte ein sehr schwieriges Pflaster ist. Aber mit der Zeit wurde das Interesse größer, da mehr berichtet wurde und mehr davon zu sehen war. Zumindest wurde mal über etwas anderes geredet, im positiven Sinne und nicht nur wie schlecht es in Weißwasser ist. Fröhliche Gesichter in der Stadt. Als Weiterführung könnte man die Kinonacht Ende August im Volkshausgarten sehen. Es wurden viele positive Signale gesendet. Nicht gelungen ist dabei, die Akteure sinnvoll zu vereinen. Hier gibt es noch einiges zu tun. Insgesamt gab es eine sehr positive Resonanz auf das Projekt. Fazit: Der Modellfall war kein Reinfall.

Ullrich Teichert (66 Jahre), Maschinenglasmacher, Schichtleiter, heute Rentner;
Projektbeteiligung: Beratung, Rolle des Glaskalfaktors in der Telux
Stadtraum - Ulli Teichert als Glaskalfaktor

Das Projekt hat mir gezeigt, dass es noch Bewohner in der Stadt gibt, die sich für die Stadt engagieren. Ebenso ist mir wieder bewusst geworden, dass Weißwasser eine interessante Geschichte hat, die diese Stadt einzigartig macht und die es besser zu nutzen gilt.
Es sind an einigen Stellen noch Zeugnisse des Projektes Modellfall Weißwasser zu sehen, welche langsam verblassen. Das gibt das Gefühl, dass sich nichts verändert hat. Ob aber der Impuls, der durch den Modellfall gegeben wurde, ausreicht, Weißwasser wieder ein Gesicht zu geben, wird die Zukunft zeigen

Carola Schwiertz (48 Jahre), Diplomingenieurin;
Projektbeteiligung: Rolle der Einlegerin in der Telux

Beim Modellfall war ich am Volkshaus dabei. Für mich hat sich dadurch insoweit etwas geändert, als ich einige neue Bekannte gewonnen habe, mit denen wir danach noch etwas unternommen haben. Es gab im Volkshausgarten gemeinsam mit der Stadt und dem Filmland Sachsen eine Kinovorstellung und einen Frühschoppen. Und wir haben vor als Volkshausfreunde weiter Veranstaltungen im Volkshausgarten zu organisieren. Dafür suchen wir den Schulterschluss mit Vereinen der Stadt.
Hinterlassen tut das Projekt das schöne Gefühl, dass mit dem eigenen Einsatz etwas Besonderes für das kulturelle Leben der Stadt erreicht werden kann und ein Gefühl der Verbundenheit. Das Projekt zeigt aber auch, welcher großer Aufwand für die Vorbereitung notwendig ist und dafür, am Ball zu bleiben. Es zeigt, was erreicht werden kann, wenn hauptamtliche Kulturfachleute die Fäden in der Hand halten, es eine durchgehende Idee gibt und entsprechende finanzielle Mittel zur Verfügung steht.

Petra Greiner (63 Jahre), im Stab der Tagebauinstandhaltung bei Vattenfall und Vorgängerfirmen tätig gewesen, heute Rentnerin;
Projektbeteiligung am Volkshaus
Stadtraum - Besucher*innen im Volkshaus

Da ich als Geschäftsführerin im Projekt weniger mit Inhalten zu tun hatte, als mit Abläufen, Genehmigungen und Rechnungen, konnte (und kann) ich die Ergebnisse des Projekts weniger bewerten, als die Menschen in der Stadt, die teilgenommen haben. Das merke ich immer, wenn mich auf der Straße Leute ansprechen, die ich kaum kenne, um mir mit leuchtenden Augen zu erzählen, wie toll der Parcours war. Und dass nach langer Zeit die Menschen in der Stadt wieder einmal eine Gemeinschaft gebildet haben. Dann wünschte ich mir manchmal, ich hätte als Teilnehmerin am Modellfall mitmachen und alles auf mich wirken lassen können. Dankbar bin ich aber auf alle Fälle für viele der Begegnungen und Bekanntschaften, die ich in der Zeit des Projekts gemacht habe.

Das, was bleibt, ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Stadt und die positive Stimmung eines Aufbruchs während der Parcours-Abende. Alle waren ein wenig wie betrunken vor Freude und Erwartung. Viele Erinnerungen wurden ausgetauscht, Erlebtes an den Parcours-Orten und Ideen, was dort einmal sein könnte. Auch die ständigen Zweifler waren überzeugt. Und das ist schon eine riesige Leistung! Ich hoffe, dass sich diese positive Energie noch eine Weile hält und etwas Neues daraus entstehen kann. Wie z.B. die Initiative der Volkshaus-Freunde, die dem Volkshaus neues Leben einhauchen wollen oder der Chor der Verwandlung, der sich bisher schon einige Male getroffen hat, um die Lieder des Parcours zu singen. Auf alle Fälle hat der Theater-Parcours aber einen tiefen Eindruck bei den Menschen hinterlassen, die ihn besucht haben. Und eine große Offenheit und Unterstützung für Zukunftsprojekte wie dem Neufert-Bau, der Telux, Glasfachschule oder dem Volkshaus. Vielleicht hilft uns das in der Stadt bei ihrer Entwicklung.

Christine Lehmann (40 Jahre), hat in Tübingen studiert (M.A.), ist Austellungsmacherin und seit 2016 Mitglied im Förderverein Glasmuseum Weißwasser;
Projektmanagement Modellfall Weißwasser.
Stadtraum - Projektarbeit im Maszladen

Das Projekt hat die Aufmerksamkeit der Weißwasseraner auf die vermeintlich vergessenen Bauhaus-Werke geweckt. Auch wir waren fasziniert davon, was in Weißwasser so passieren kann. Für uns als frisch gebackene Laien-Theatergruppe war es eine ganz neue und tolle Erfahrung gemeinsam mit Profis zu arbeiten. Zusammen haben wir ein Stück erschaffen, das wir so schnell nicht mehr vergessen werden. ZUSAMMEN ist das Stichwort. Viele Köpfe, Hände und Herzen können etwas ganz großes Schaffen und Leben in unsere schöne kleine, aber auch etwas in Vergessenheit geratene Glasmacherstadt bringen. Das hat das Projekt Modellfall in Weißwasser gezeigt. Euer Projekt ist zu unserem Projekt geworden und zu dem von vielen anderen Menschen in dieser Stadt. Das Feedback der Zuschauer war von Faszination und Begeisterung geprägt. Auch eine Art Wachrütteln und Aufleben lassen ... Wer hätte gedacht, dass so was in Weißwasser passieren kann und dass es so viele kreative und kulturbegeisterte Bürger gibt?
Viele haben darüber gesprochen und das sehr positiv!! Ihr habt mit uns Eindruck hinterlassen! Wir wünschen uns, dass so was keine Eintagsfliege bleibt. Dass durch dieses Projekt der Stein für weitere neue Kunstprojekte gelegt ist und die vergessenen vermeintlichen „Ruinen“ aus Weißwassers Bauhaus-Geschichte zum Leben erweckt werden. Wir legen seit September wieder los und proben fleißig unser Märchentheater, das wir zum Weihnachtsmarkt aufführen wollen. Drei Märchen durcheinander gewürfelt, weil die Oma ihrem Enkel ein Märchen erzählen will, dabei aber etwas durcheinander kommt.

Laura Schöbel (24 Jahre), Erzieherin;
Projektbeteiligung: „Normis im Neufert-Bau“ (Theater)
Stadtraum - Normis im Neufert-Bau

Das Projekt Modellfall Weißwasser und der Stadtparcours haben den mutigen Versuch gemacht, durch Bearbeitung besonders der Geschichte der Glasindustrie und ihrer Gestalter in diese Situation hineinzugehen, sie nochmals aufleben zu lassen – um die Bürger einzubeziehen und anzuregen, an ihrer Zukunft mitzuwirken.

Stadtraum - Bauhütte

In der Bauhütte Thormann hatte ich das Glück, auch etwas hineinzutragen: die familiäre Bau- und Industriegeschichte, die historischen Entwicklungen und einige Designideen und Skizzen zur Schnitterbrache. In die wunderbar gestaltete kleine Bauhütte kamen an den vier Tagen ca. 500 Besucher. Die Aufmerksamkeit war sehr groß, und es war spürbar, wie anregend diese Form der Vermittlung ist. So entstand im Gespräch mit den Besuchern die Charta von Weißwasser. Es wäre gut an diese Tage und diese Atmosphäre anzuknüpfen.

Ulrich Thormann (73 Jahre), Architekt & Designer;
Projektbeteiligung: Rolle des Baumeister Thormann in der Bauhütte auf der Schnitterbrache. Eine ausführliche Dokumentaion zur Bauhütte und mehr zu Ulrich Thormann siehe Parcours/Bauhütte.
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