Der Maszladen als Projektzentrale

Der Bühnenbildner Hendrik Scheel spricht darüber, wie mit dem Maszladen ein neuartiger sozialer Raum entstand, in dem Kunst von Alltag nicht zu trennen war.

Ursprünglich war die Homebase für das Projekt im Neufert-Bau geplant. Warum hat sich dieser Plan geändert?

Hendrik Scheel: Als das Projekt im Sommer 2017 erstmals angedacht wurde stand der Neufert-Bau im Zentrum. Parallel zum Kunstprojekt war Geld für die Kernsanierung des Gebäudes beantragt worden, so daß eine partielle Benutzbarkeit für das Projekt möglich erschien. Die Intstandsetzung des Neufert-Baus musste dann aber doch langfristiger gedacht werden. Der ruinöse Zustand des Hauses ohne Elektrizität und Wasser, Schutt der letzten 30 Jahre und bis ins Erdgeschoss tropfendem Regen machte eine Nutzung für uns zunächst unmöglich.
Zum Zweiten stellten wir schnell fest, daß wir uns in der Erzählung des Bauhauserbes und der Industriekultur der Stadt nicht auf den als Lagergebäude der Glasindustrie erbauten Neufertbau beschränken können, sondern die stadträumlichen Zusammenhänge des Gebäudes herausarbeiten müssen. Die zahlreichen aufgegebenen Geschäfte in Weißwasser, und ihre leeren Schaufenster bestimmen das Bild der Innenstadt. Zum Teil werden die Räume für soziale Initiativen in der Stadt genutzt, manchmal sieht man auch Gemälde- oder Fotografie-Ausstellungen lokaler Künstler in den Fenstern der Läden. Die Präsentation des Modellfalls sahen wir dann auch in den verwaisten Schaufenstern der Stadt, ebenso die Möglichkeit von Aufrufen zum Teilnehmen oder Befragungen der Bürger. Daraus ergab sich der Schritt, ein sowieso notwendiges Projektbüro für ein knappes Jahr in einem leeren Ladengeschäft einzurichten, um durchgehend sichtbar in der Stadt zu sein.
Wichtig war auch, die unmittelbare Nähe des Projektes zum umstrittenen Neufert-Bau nicht zu sehr zu betonen, der Maszladen konnte die Ausrichtung des Modellfalls auf unterschiedlichste Orte und Geschichten Weißwassers besser repräsentieren und war ein politisch neutraler Ort.

Stadtraum - Installation im Maszladen
Warum an diesem Ort in der Glasmacherstraße? Welche Bezüge haben sich hier ergeben? Welche Vor- oder Nachteile hatte diese Lage?

Das Geschäft wurde uns von Annett und Jörn Felgenhauer für den Projektzeitraum zur Verfügung gestellt. Ein Reisebüro war kurz zuvor ausgezogen und da beide sich sehr für ihre Stadt engagieren, sponsorten sie das Kunstprojekt mit diesem Raum. Das Haus ist das letzte Verbliebene einer Reihe von Jugendstilhäusern, die die Südseite des Marktplatzes schmückten. Jetzt sind es Mietshäuser aus den 1950er Jahren.
Linkerhand befindet das historistische Rathaus, gegenüber Stadthäuser der Boomzeit um die Jahrhundertwende. Rechts die Strasse hinab stehen die übriggebliebenen Schornsteine der Telux. Der Einzelhandel beschränkt sich auf ein Fahrradgeschäft, eine Apotheke und einen Friseur, dessen Kunden unserem Schaufenster den Grossteil der Passanten lieferte. Das ehemalige Zentrum hat seine Funktion zu großen Teilen an andere Orte in der Stadt verloren, - städtisch oder belebt ist der Platz nur Freitag vormittag, wenn der Wochenmarkt für günstige Kleidungsstücke und einige Lebensmittel stattfindet. Ansonsten wird der Platz als Parkplatz benutzt.
Als grosser Vorteil erwies sich aber die unmittelbare Nachbarschaft, sprich die anderen Mieter des Hauses. Viele hatten Interesse am Maszladen und arbeiteten zum Teil maßgeblich an dem Projekt mit.

Stadtraum - Maszladen Außenansicht
Wie wurde der Masszladen genutzt? Wie hat sich er sich im Laufe seines Gebrauchs verändert?

Der Laden besteht aus einem länglichen und ca. 50qm großen Hauptraum, sowie drei dahinterliegenden schlauchförmig angeordneten Zimmerchen.
Das Mobiliar suchten wir uns in der leerstehenden Glasfabrik zusammen, Lampen und weitere nötige Dinge wurden uns geschenkt oder als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Während der Recherchephase reichten eine kleine Besprechungssitzgruppe und zwei Schreibtische. Mit Beginn der Werkstattphase stellten wir einen großen Konferenztisch in die Mitte, der bis zum Ende des Projekts zentraler Arbeits- und Besprechungsort blieb. Die unterschiedlichen Vorhaben in der Stadt machten den Maszladen in den letzten Monaten dann zu einer Mischung aus künstlerischem Betriebsbüro, Probenraum, Werkstatt, Veranstaltungsraum und Lager. Es wurde sehr voll.

Stadtraum - Maszladen Mobiliar
Die fünf Werkstattleiter*innen des Projekts kamen ja nicht aus Weißwasser oder Umgebung, sondern aus Berlin. Hatte der Maszladen auch deshalb eine besondere Bedeutung als Verankerung vor Ort?

Der Maszladen war dieses Künstlerbüro – anfangs verstand niemand wozu er da ist. Er wurde zu einer Art exterritorialem Gebiet in Weißwasser, an dem es möglich war, unparteiisch miteinander zu reden. Für alle am Projekt Mitarbeitenden, wurde der Maszladen die Arbeitszentrale und über die Zeit zu einer Art temporärem Zuhause - vielmehr als die unterschiedlichen Wohnungen in der „Platte“, die uns zur Verfügung gestellt wurden.

Stadtraum - Schafenster Maszladen
Die Wandflächen waren ja vielfältig im Einsatz, wie eine riesige Pinnwand, mit Zetteln, Zeichnungen, Karten, Schlagworten … Der Maszladen kam mir dadurch immer vor wie das Projektgehirn. Welche Funktionen und welche Bedeutung hatten diese Wandgestaltungen Deiner Meinung nach für das Projekt?

Das Erkunden des Stadtraumes, seiner Geschichte und der exponierten Gebäude erzeugte Mengen an Bild- und Informationsmaterial, das sich an den Wänden des Maszladens großflächig sortieren und fokussieren liess.
Zu Beginn sammelten sich historische Aufnahmen der Orte, ihr heutiger Zustand , Berichte ihrer früheren und heutigen Nutzung und Archivmaterial von Weißwasseranern. Die unterschiedlichen Quellen ermöglichten einen ausführlichen Einblick, der auch für die Besucher des Ladens, die mit der Stadt vertraut waren, Unbekanntes und Überraschendes zeigte. Zu Beginn von Besprechungen oder Interviews ergab sich oft die Atmosphäre eines Austellungsbesuchs.
Auf Basis der dokumentarischen Arbeit entwickelten sich die Parcours-Stationen mit ihrer jeweiligen Erzählung. Die dokumentarischen Wände folgten dem Gestaltungsprozess. Entwürfe, Pläne und Texte ersetzten nach und nach die Beschreibungen. Die verschiedenen Vorhaben konnten hier jeweils den unterschiedlichen Mitspielern vorgestellt , mit ihnen besprochen und weiterentwickelt werden.

Stadtraum - Maszladen Innenansicht
Wie wurde der Maszladen von den Bürger*innen angenommen?

Da der Laden, vor allem in den letzten Monaten des Modellfalls ca 15 Stunden am Tag „geöffnet“ war, kamen viele einfach vorbei. Atmosphärisch war der Laden etwas Ungewöhnliches für Weißwasser, vielleicht hat die spielerisch-künstlerische Form des Raumes ihren Teil dazu beigetragen, daß die Leute Lust hatten sich zu engagieren. Die Illustration unserer Ideen und Vorhaben machte den Besuchern zudem schnell deutlich, daß wir uns jenseits sonstiger „Stadtforschungsprojekte“ bewegten, von denen sich schon viele an und für Weißwasser versucht hatten, und die einen gewissen Widerwillen bei den Bürgern erzeugten. Der Laden machte wohl auch durch seine andauernde Veränderung deutlich, daß wir tatsächlich etwas tun wollten.

Stadtraum - Gespräche im Maszladen
Wie habt ihr das Schaufenster gestaltet? Welche Bedeutung hatte das?

Das zum Projektbüro umgewandelte Ladengeschäft, dessen Schaufensterfläche nichts mehr zum Verkauf anbieten muss, ist in Weisswasser kein ungewohnter Anblick angesichts der großen Zahl leerstehender Einzelhandelsgeschäfte und deren teilweise Umnutzung für soziale und stadtentwickelnde Projekte.
Das Schaufenster des Maszladens versuchte über 8 Monate die Entwicklung des Projekts nach außen zu präsentieren und die Menschen in der Stadt neugierig genug zu machen, sich über den Modellfall zu informieren oder in den Laden zu kommen um das Projekt - und die dazugehörigen Künstler - kennenzulernen.
Oftmals umgestaltet zeigte es neben Ankündigungen und Aufrufen für das Projekt verschiedene Fundstücke aus dem Stadtraum und von den späteren Spielorten. Ebenso wie der Laden selbst, spiegelte das Fenster die Schwierigkeiten wieder, die vielen Geschichten der Stadt zu ordnen und die für den Modellfall wichtigen zu erkennen. Das Schaufenster bot die Möglichkeit Verständlichkeit und künstlerische Gesprächsformen zu prüfen

Die Fragen stellten Ruth Feindel und Paul Brodowsky

Angaben zu Hendrik Scheel siehe Info/Künstlerteam

Stadtraum - Innenansicht Maszladen 2