Das modellhafte liegt in der Herangehensweise

Der Choreograf, Tänzer und Performer Jochen Roller über seine Erfahrungen als Werkstattleiter und das einjährige Kennenlernen der Stadt und ihrer Bewohner*innen

Mit welchen Leuten aus Weißwasser hast du gearbeitet und was ist dabei entstanden?

Jochen Roller: Ich habe zusammen mit der Line-Dance-Gruppe Crystal Eagles und der Filmemacherin Constanze Fischbeck einen Film in der Telux gedreht. Für den Film haben wir eine leerstehende Lagerhalle in der Telux mit Glaskolben, die früher dort hergestellt wurden, bestückt. Die Crystal Eagles zertanzen in dem Film mit der Choreografie Disappearing Taillights die Glaskolben, bis sie zu feinem Glassand zermahlen waren. Dieser Film lief beim abschließenden Parcours als eine der Stationen der Werkstrasse der Verwandlung in der Telux.

Stadtraum - Jochen Roller mit den Crystal Eagles

Außerdem habe ich einen weiteren Film mit Constanze Fischbeck und Mitgliedern der Yogagruppe Weißwasser im Volkshaus gedreht. In dem Film beatmen die Yoginis das kranke Haus mit Atemübungen aus dem Kundalini-Yoga. Der Film war beim Parcours durch einen Blick in Guckkästen, die an der Außenfassade des Volkshauses angebracht waren, zu sehen.

Des Weiteren habe ich mit Hendrik Scheel und Edgar Schlüter auf dem Boulevard einen Trimm-Dich-Pfad für Geist und Körper entwickelt und gebaut. An 20 Stationen können Besucher*innen ihren Körper stählen und dabei ihren Geist mit Geschichten über Weißwasser trainieren. Während des Parcours wurde der Trimm-Dich-Pfad von Mitgliedern der Jungfüchse (Eishockey) bespielt.

Im Neufert-Bau habe ich zusammen mit Hendrik Scheel und zusätzlich Hilkje Kempka eine Silent Disco während des Parcours gestaltet. Die Besucher*innen konnten während der Veranstaltung in der Verladehalle des Neufert-Baus in einem nachgebauten Norm-Quader über Kopfhörer auf drei Kanälen Musik aus Detroit, der Hauptstadt des Ruinenporno, hören – Detroit Techno, Mo’town und die Musik der großen Tochter Detroits, Aretha Franklin.

Schließlich habe ich während des Parcours zusammen mit ehemaligen Werksangehörigen und Jugendlichen aus Weißwasser die Werkstrasse der Verwandlung in der Telux gestaltet und performt, wobei die Zuschauer*innen aktiv miteinbezogen wurden.

Stadtraum - In der Werkstraße der Verwandlung mit Besuchern
Inwiefern spielte das Bauhaus als Inspirator dabei eine Rolle?

Der Begriff des Gebrauchs in der Definition von Wilhelm Wagenfeld war ein wichtiges Motiv für unsere künstlerische Arbeit in der Stadt. Eine Stadt zeichnet sich genauso wie ein Gegenstand dadurch aus, dass sie für die Menschen einen Gebrauch haben muss. Diesen Gebrauch haben wir versucht, in unserem Parcours visionär zu entwickeln und ihn zusammen mit den Bürger*innen der Stadt zu ersinnen.

Außerdem haben wir viel mit dem Begriff der Norm in der Definition von Ernst Neufert gearbeitet. Es wurde in der Geschichte von Weißwasser immer wieder versucht, den Stadtgebrauch durchzunormieren und immer ist dies eigentlich gescheitert. Das hat im künstlerischen Prozess die Frage aufgeworfen wie viel Normen wir eigentlich brauchen, wo Normen sinnvoll sind und wo sie kreative Entwicklung verhindern.

Stadtraum - Neufert sagt
Stadtraum - Jochen Roller
Welche Stadt hast du anfangs vorgefunden und wie hat sich Dein Bild von Weißwasser verändert durch das Projekt?

Weißwasser wirkte am Anfang wie viele andere wirtschaftlich abgehängte Kleinstädte die ich in West- und Ostdeutschland kenne. Durch den vergleichsweise langen Aufenthalt in der Stadt, der sich über ein ganzes Jahr erstreckt hat, konnten wir jedoch viel bürgerliches Engagement in der Stadt entdecken, was ich angesichts der wirtschaftlichen Depression erstaunlich fand. Ich habe mich von Monat zu Monat immer mehr hier zuhause gefühlt – die Stadt wirkt zwar von ihrem tristen Stadtbild her abweisend, hat aber eine interessante Dynamik, die von ihren Bewohner*innen ausgeht.

Weißwasser in Ostsachsen ist ein stark politisierter Raum mit vergleichsweise hohen Zustimmungswerten für die AfD, aber auch zahlreichen Gegenbewegungen aus der städtischen Bürger*innengesellschaft heraus. Gab es Punkte, an denen diese Spannungen im Umfeld deiner Arbeit spürbar wurden?

Während des Projektes tauchte immer wieder die Frage auf, wie ein solches Projekt in einer Stadt zu verorten sei, in der ein so hoher Anteil an Wähler*innen eine Partei wählt, die solche Kunstprojekte kategorisch ablehnt. Andererseits haben allerdings durchaus einige Wähler*innen dieser Partei auch bei uns im Parcours mitgemacht und haben diese Arbeit als sehr wertvoll und erfüllend beschrieben. Wir haben in Gesprächen immer klar gemacht, dass wir in Weißwasser nur temporär zu Gast sind, unsere eigenen Werte durch tolerantes und diverses Zusammenleben in der Großstadt geprägt sind und wir mit unserem Kunstprojekt natürlich nicht die Stadt aus ihrer wirtschaftlichen Misere retten können. Das hat unseren sozialen Standpunkt, unsere moralischen Werte und unseren künstlerischen Anspruch an das Projekt sehr klar in die Stadt hinein formuliert, denke ich. Allerdings gab es während des Projekts innerhalb der Werkstattleiter*innengruppe immer wieder Diskussionen über die Einbindung der Bürger*innen, die die Frage aufwarfen, ob denn auch wirklich alle bei dem Parcours mitmachen dürfen. Es gab einen Fall, bei dem für uns klar eine rote Linie überschritten wurde, weil Mindeststandards an Demokratieverständnis und Ethik nicht eingehalten wurden. In diesem Fall hat sich die betroffene Person selbst von der künstlerischen Teilhabe ausgeschlossen, weil sie gegen bestimmte Mitbürger*innen hetzte. Das ist letztlich aber eigentlich ganz einfach, wie beim Eishockey, da gibt’s ja auch Regeln, nach denen gespielt wird.

Stadtraum - Videoinstallation 'Scherbentanz' in der Telux
Wo an dem Projekt hat sich das Modellhafte eingelöst und kann für vergleichbare Projekte produktiv gemacht werden?

Der Modellfall Weißwasser war ja von Anfang an eine Hypothese. Durch die Finanzierung durch den Bauhaus-100-Jubiläumsfonds konnten wir uns der Geschichte und Struktur der Stadt sowie dem Einfluss des Bauhauses auf genau diese Geschichte und Struktur in einem Umfang widmen, der weit über die Arbeit an anderen Theaterprojekten hinausging. Auf diese Weise ist extrem viel Wissen generiert worden, zum einen innerhalb der Gruppe der Werkstattleiter*innen, zum anderen im Dialog mit den Bürger*innen der Stadt. Der Modellfall, von dem wir in dem Projekt sprechen, versprüht ja durchaus einen Hauch von Ironie – andere Städte wie Dessau oder Tel Aviv sind natürlich auf den Bauhauskontext bezogen modellhaft erstmal viel relevanter. Daher liegt das Modellhafte an unserem Projekt, denke ich, auch in der Herangehensweise, wie durch künstlerische Forschung Ideen und Konzepte generiert werden können, die auch über die Dauer eines solchen Projektes hinaus Impulse in eine Stadt wie Weißwasser geben können.

Stadtraum - Trimm-Dich-Übung ausgeführt
Stadtraum - Trimm-Dich-Übung als Anweisung
Die Fragen stellten Ruth Feindel und Paul Brodowsky

Angaben zu Jochen Roller finden Sie unter Info/Künstlerteam