Telux / Verwandlung

Werkstraße der Verwandlung

  • Glaskalfaktor Teichert
  • Hüttenmeister Roller
  • Scherbentänzer der Crystal Eagles (Videoinstallation)
  • Einlegerin Schwiertz
  • Extrachor der Verwandlung

Weißwasser ist eine Stadt im Wandel, die sich immer wieder neu erfinden musste. Vom Zentrum der Glas-industrie entwickelte sich der Ort zu einem der größten Energieproduzenten der ostdeutschen Republik. Bodenschätze wie Quarzsand und Braunkohle wurden zu Glas und Strom. Nach 1990 verschwanden traditionelle Wirtschaftszweige zusammen mit Arbeitsplätzen. Die Stadt wurde „zurückgebaut“ und ihre Bewohner*innen zu Transformationsexperten. Mit Blick auf den angekündigten Kohleausstieg steht Weißwasser nun vor der nächsten Veränderung: dem Strukturwandel. Die früheren Osram-Glaswerke sind in mehrfacher Hinsicht ein passender Ort, um Transformationsprozesse zu veranschaulichen. In der seit knapp 20 Jahren stillgelegten Fabrik wurden unter Einsatz von Energie aus Rohstoffen Glühlampen geformt, während sich mehrfach die Besitzverhältnisse wandelten. Nach wie vor lagern unzählige Glaskolben auf dem Telux-Gelände. Ihr Wert ist nur noch negativ bestimmt über die Kosten ihrer Zerstörung und Entsorgung. Die übrig gebliebenen Produkte könnten sich wieder in etwas Nützliches verwandeln. In Scherben zersprungenes Glas zermahlten Tänzer unter ihren Stiefeln zum Stoff für die Zukunft. Der Abschied von der Glasindustrie und seiner Effizienzlogik setzte neue Energie frei.

Die Parcours-Besucher*innen bildeten das Kollektiv der Werktätigen, die der Glaskalfaktor in die Produktion schickte. Unterstützt von den Scherbentänzer*innen und angeleitet von Einlegerin und Hüttenmeister sorgten sie dafür, daß aus Glas neuer Rohstoff für die Zukunft wurde.

Parcours - Der Chor der Verwandlung am Bahnhof

Transformation der Telux

(Zu Lesen an der Tür des Warteraums)

Du besitzt diesen Stuhl – aber er gehört dir nicht. Er gehört dir nicht an – wie deine Hand, deine Haare, deine Erinnerungen oder deine Gefühle. Aber jeden Tag kommst du und sitzt auf diesem Stuhl, heimlich hast du ihn angemalt an einer Ecke, mit einem Messer deine Initialen eingeritzt, die ein anderer wieder herausschleifen wird. Sagen wir: Du gehst zur Schule und sitzt auf diesem Stuhl. Nächstes Jahr, morgen, in zwei Stunden kommt eine andere, die auf diesem Stuhl sitzen wird. Oder die Schule wird geschlossen und als Andenken nimmst du diesen Stuhl mit nach Hause – du eignest ihn dir an. Vielleicht besitzt du diesen Stuhl also länger, dein Leben lang. Aber selbst dann nimmst du ihn nicht mit ins Grab. Ins Grab nimmst du nur dein Haar, deine Geschichten, diese Bewegung deiner Hand, dein Wissen, deine Wünsche und Sehnsüchte.

Du besitzt eine Wohnung, aber sie ist nicht dein Eigentum. Du besitzt mit anderen zusammen ein Haus, eine Straße, einen Betrieb, eine Stadt – diesen Besitz teilst du mit anderen. Die Telux besitzt du mit ein paar Tausend anderen. Aber sie ist nicht dein Eigentum: Volkseigener Betrieb. (Das bedeutet, sie gehört dir zu einem Achtzehnmillionstel.) Volkseigene Straße, volkseigener Platz, volkseigene Luft. Volkseigene Erinnerungen.

So lebst du, zusammen mit anderen, liebst Menschen, teilst Geschichten, gibst dein Wissen, deine Werte, deine Fürsorge weiter. Vielleicht magst du diesen Stuhl. Du besserst ihn aus, leimst ihn neu zusammen, streichst ihn um. Du träumst von ihm. Und der Stuhl wackelt, er scheuert, er schränkt dich ein, macht dich unfrei, zuviel Volk überall, aber er ist immer noch dein Stuhl, mit dir verwachsen in deinen Erinnerungen. Und dann kommt von einem Tag auf den anderen dieser Wechsel. Wie eine Flut bricht der Wechsel herein und setzt alles unter Wasser. Volkseigene Vergangenheit. Vergangenheiten – die erinnerten und die verdrängten. Fünfundvierzig Jahre lang wurde dir erzählt, dass dieser Stuhl, dieser Betrieb auch dir gehört. Diese Straße, dieses Land, diese Luft – zu einem Achtzehnmillionstel. Jetzt ist alles unter Wasser, eine neue Geschichte, ein anderes Denken dreht alles um: entwertet deine Erinnerung, deine Vergangenheiten, deine Zukünfte. Jetzt tauscht du Stühle gegen Kartoffeln, Stühle gegen Geld, Geld gegen Autos und Tiefkühlpizzen, Stühle gegen Schiffsanteile, Stühle gegen Derivate zu Versicherungen von Kreditgebern von Hauskäufern auf einem anderen Kontinent. Drei Cowboys reiten gleich mit der ersten Welle vorbei, angeln mit der unsichtbaren Hand die schönsten der Stühle aus den Fluten, ein paar klumpen Gold, und ziehen wieder ab. Das alles geht sehr schnell. Dein Stuhl wird zu Brennholz, zu Sondermüll, du hörst die an ihm hängenden Geschichten leise verknistern, während er brennt. Niemand besitzt mehr, alle sprechen und denken nur noch in Eigentum. Dieser Stuhl, dieses Auto, diese Straße, diese Luft gehört mir. Und wie in einer alchemistischen Verwandlung gehört der Telux von einem Moment auf den anderen nurmehr ein Negativwert. Dieses komplexe, produzierende Ensemble aus Stein und Stahl, aus Geschichten, Arbeit, Menschen, Glaskolben und Sehnsüchten ist von der unsichtbaren Hand in eine Ruine der Erinnerung verwandelt worden. Den Stuhl besitzt du schon lange nicht mehr.

Und doch bleibt diese Ruine stehen, in der ihr eigenen Schönheit. Aus der Asche sprießt etwas Neues. Du bist nicht mehr Eigentümer der Telux, auch nicht mehr zu einem Achtzehnmillionstel, aber du fängst wieder an, den Stuhl zu besitzen. An Ecken. In Teilen. Du schraubst Autos. Du feierst Weihnachtsmärkte und Partys, du errichtest ein soziokulturelles Zentrum. Du zwischennutzt auf unbestimmte Zeit. Du erprobst Formen des Gemeineigentums. Wer den Stuhl oder das, was von ihm übrig ist, auf dem Papier besitzt, spielt dafür erstmal keine Rolle.

Text: Paul Brodowsky

Modellfall Weißwasser - Telux: Scherbentanz

Parcours - Bautafel Telux Dez. 2018

Bautafel Telux Dez. 2018
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