Wagenfeld und Neufert im Gespräch

Die beiden Wiedergänger – verkörpert von den Schauspielern Heiner Bomhard (Wilhelm Wagenfeld) und Sebastian Straub (Ernst Neufert) - setzten sich in ihren Auftritten während des Modellfalls immer wieder mit dem Bauhaus-Erbe auseinander. Hier einige Auszüge aus dem Skript des Autors Paul Brodowsky.

Bauhaus - Wagenfeld und Neufert am Bahnhof

Auftaktveranstaltung / Hafenstube in der Telux (Auszüge)

WAGENFELD
Geehrte Damen, geehrte Herren, Bewohner Weißwassers,
hier und heute feiern wir die Neugründung einer WERKSTATT. Im Rahmen dieser Werkstatt werden wir ein Jahr lang zusammen arbeiten. Zugleich ist das heute auch eine persönliche Wiedervereinigung für mich und meinen verehrten Kollegen Neufert, nachdem sich vor gut 70 Jahren unsere Wege getrennt haben. 1947 habe ich Weißwasser verlassen, heute – 71 Jahre später – kehre ich hierher zurück.
(…)
Im Sommer 2019 dann werden wir eine theatrale Stadtführung veranstalten, einen Spaziergang zwischen den Zeiten, zwischen dem Heute, dem Morgen und dem Weißwasser von vor 80 Jahren. Sie alle sind eingeladen nicht nur als Zuschauerinnen und Zuschauer mitzulaufen, sondern diesen Stadtspaziergang, diesen, wie wir es gerne nennen, „theatralen Parcours“ mitzugestalten.
(…)
In unserer Abwesenheit ist einiges wieder gebröckelt, von dem, was Kollege Neufert und ich ab 1935 hier aufgebaut haben! Wird vor Ort überhaupt noch Glas geblasen?
(...)
NEUFERT
Wagenfeld und ich sind – wie schon erwähnt – beide Bauhaus-Schüler der ersten Stunde. Ich war zunächst Assistent, und ab 1924 dann Bauleiter und enger Mitarbeiter des Bauhausgründers Walter Gropius. Und Wagenfeld hatte auch schon im Studium erste Erfolge: Sie kennen vielleicht diese Lampe hier, die hat der Kollege –

WAGENFELD
Mein ganzes Leben lang werde ich auf diese eine Lampe reduziert!
Die wollten wir doch gerade NICHT zeigen!

NEUFERT
Ich glaube, wir sollten schon beleuchten, was wir damals geschaffen haben!

WAGENFELD
Wichtiger als dieses ganze Museumszeug finde ich den neuen Geist, den wir 1935 hier nach Weißwasser getragen haben. Die Stadt ist damals ein wild ins Kraut geschossener Industriestandort, die Glasbläser arbeiten unter widrigen Bedingungen, und stellen stillose Massenware her.
(...)
Wie gebrauchen Sie denn diese Stadt heute, die so stark durch die Industrie geprägt wurde? Sagen Sie es uns. Sie sind die Bewohner, die Braucher der Stadt! Sie sind die Expertinnen! Experten für Weißwasser heute, mit denen wir in den kommenden Wochen und Monaten gerne zusammenarbeiten wollen. Dafür haben wir einen ganzen Stab an Künstlerinnen und Experten engagiert
(…)

Bauhaus - Wagenfeld und Neufert in der Telux

masznehmen #2 Frühlingsputz/Schnitterbrache (Auszüge)

NEUFERT:
Willkommen zurück von den Einsätzen beim Frühjahrsputz!

WAGENFELD:
Jetzt wo alle Putz- und Transformationskolonnen wieder hier eingetroffen sind, können wir hier auf der Schnitterbrache den Schluß-Akt einläuten – mit Feuer und Musik.

NEUFERT:
Unsere Idee war ja nicht – oder nicht nur – eine Putz- und Räumaktion zu starten – sondern Gemeinschaftserlebnisse zu stiften –

WAGENFELD:
– und Orte zu verändern, zu transformieren, zu überschreiben. Und uns allen zu ermöglichen, dass wir uns in diese Orte einschreiben, uns mit diesen Orten verbinden.

NEUFERT:
Alle Orte, die wir heute beräumt, gereinigt und zum Pflanzen vorbereitet haben, werden Spielstätten unseres großen Parcours im kommenden Juni.
(…) WAGENFELD:
Ich habe ja heute am Volkshaus mitgearbeitet. Und dort ein paar Wicken gesät im Garten. (Hier möglichst konkrete Episode von der Arbeit dort und von einem Menschen erzählen, den du da kennengelernt hast!) Das Volkshaus kenne ich jetzt seit über 80 Jahren. Der bewegten Geschichte dieses Hauses, diesen Erinnerungsschichten, haben wir heute einer weitere Schicht hinzugefügt. Wir produzieren neue Räume, indem wir dort aktiv werden – ganz konkret durch unser Säubern und Pflanzen, aber wir produzieren zugleich auch imaginäre Räume, in unserem Nachdenken darüber, was diese Orte bedeuten. Das finde ich schön! ...

NEUFERT:
Ich für meine Wenigkeit bin ja ein nicht ganz uneitler Architekt und von daher sehr daran interessiert die Geschichte des Neufertbaus weiterzuschreiben. Und mit Euch und Ihnen diese Geschichte weiter zu gestalten.

WAGENFELD:
(schwärmerisch) Das Schöne ist ja: Wir können diese Geschichten zusammen selbst erzählen und fortschreiben. Uns gegenseitig erzählen. …

NEUFERT:
Ja. Der Kollege Wagenfeld mag es manchmal sich in so Gedanken hineinzu-äh-schrauben ... Jedenfalls bleibt uns jetzt nur noch gemeinsam mit Euch die Schnitterbrache zu transformieren. Die Schnitterbrache ist für die Stadt – und auch da spreche ich jetzt mal als Architekt – ganz zentral. Diese Brache ist ein zentraler Freiraum in der Stadt, der allen zu Verfügung stehen soll. Oder aber, wenn hier etwas gebaut wird, halte ich es für wichtig, dass das gut bedacht und nicht überstürzt geschieht. WAGENFELD:
Um das Nachdenken über die Zukunft der Stadt und ganz konkret der Schnitterbrache anzuschieben, legen wir hier heute den immateriellen Grundstein für eine transformatorische „Bauhütte“ an diesem Platz, die sich im Juni im Rahmen des Parcours hier stehen soll. Wo die Pläne und Wünsche der Menschen, die die Stadt gebrauchen, durch Baumeister Thormann entworfen und weiterentwickelt werden.
(...) NEUFERT:
Früher wurden in den Wäldern mithilfe von Brandrodungen Brachen geschaffen, Orte transformiert, Räume neuerschaffen für die spätere Besiedlung. Wir entfachen heute hier ein Feuer für den Erhalt der Brache, und um die kommende Weisswasser-Bauhütte hier zu begründen.

Neufert und Wagenfeld entfachen mit einer Fackel das Feuer, das den künftigen Ort der Bauhütte markiert.

WAGENFELD:
… Jetzt bleibt mir nur noch anzukündigen, dass das Planungskommitee als Dankeschön für Ihren Einsatz Grillwürste organisiert hat, die Sie gerne – wie auch das Bier – ihrem ganz privatem Gebrauch zuführen dürfen!

Bauhaus - Wagenfeld und Neufert ziehen durch die Stadt

Parcours/Bahnhof (Auszüge)

NEUFERT
(Zu Wagenfeld) Wir können doch Weißwasser nicht eine neue Identität überstülpen.
Neue Industrie siedelt sich hier keine an, selbst die Braunkohle arbeitet ja nur noch auf Abruf – die Leute brauchen doch Arbeitsplätze hier in der Lausitz. Unsere letzte Hoffnung sind doch die Gelder der Kohlekommission. Da hilft nur beten.

WAGENFELD
Genau das halte ich für fatal. Besser wir fangen an, etwas zu tun!

NEUFERT
Alles soll sich von unten heraus neu entwickeln, ein neuer „Stadtgebrauch“?

WAGENFELD
Dieser „Neugebrauch“, wie ich es nennen möchte, hat ja schon in der Stadt gesteckt, bevor wir hierher zurückgekehrt sind! Wir sind nur aufgesprungen, auf eine Sache, die längst in Bewegung ist.
(…)
Wir wollen Sie jetzt auf die Reise schicken ins kommende Weißwasser. Um die Gegenwart aus der Zukunft der Vergangenheit und der Vergangenheit der Zukunft heraus zu betrachten!

NEUFERT
Äh, ja. Oder so ähnlich.
Wer will ich für Weißwasser sein?

WAGENFELD
Wie will ich die Stadt brauchen, und wie will ich mich einbringen? „Weißwasser“ – das kann auch ein Dorf in Hessen oder ein Kiez in Berlin sein – Weißwasser ist gewissermaßen der ,Modellfall‘!

Bauhaus - Wagenfeld und Neufert in der Glasfachschule

Parcours / Glasfachschule (Auszüge)

WAGENFELD
Du verdrängst alles. Du flüchtest dich in irgendwelche Normkonstrukte, in Form-Norm-Zeug, und machst das haarklein, führst das in minutiösen Details aus, schreibst das dann für alle verständlich auf, und das soll dann für alle Ewigkeit gelten.

NEUFERT
Der Erfolg gibt mir eigentlich Recht, dass das ganz gut gelaufen ist.
Und Modulares Bauen ist auch heute wieder aktuell!

WAGENFELD
Große Kunst hast du damit nicht gemacht. …ein dickes Buch, da sind paar Zahlen drin und paar Bildchen … völlig uninspirierend!

NEUFERT
Immerhin das erfolgreichste Architekturbuch aller Zeiten!

WAGENFELD
In der ersten Auflage 1936 waren auch Hinweise für Bunkerbauten und Luftschutzkeller vermerkt – als ein Aspekt des alltäglichen Lebens – Dicke der Schutzdecken, Höhe des Notaborts …

NEUFERT
Der letzte Krieg lag eben nicht lange zurück, und der kommende Krieg deutete sich schon an.

WAGENFELD
Norm als reine, funktionalisierte Form kann überall und für alles Verwendung finden – auch im Faschismus.

NEUFERT
Fehlt nur noch, dass du mich hier vor allen Leuten der Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus bezichtigst. Dann mach ich das lieber selbst: Ja! Ich habe für Rüstungsminister Albert Speer gearbeitet! Aber Speer hatte noch andere Aufgaben, war eben auch Reichsbauminister, und ich war im Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte.

WAGENFELD
Und deshalb von Hitler persönlich auf die so genannte „Gottbegnadetenliste“ gesetzt worden. Du musstest nicht an die Front!

NEUFERT
Ich gratuliere Dir, dass Du das jetzt doch noch losgeworden bist!

WAGENFELD
Deine Normen für den Barackenbau sind doch die Vorlage für die KZs!

NEUFERT
Das verbitte ich mir! KZ-Bauten habe ich nie entworfen!

WAGENFELD
Nein. Aber dein akribisch angesammeltes Wissen ließ sich ganz wunderbar dafür anwenden. (Stille.)
Aber ich bin ja auch nicht besser. Meine Lampe hat den Nationalsozialismus jedenfalls nicht verhindert. Keinen Nazi hat es besser gemacht, wenn er aus meinen Rautengläsern getrunken hat. Und die größte Bestellung meiner Kühlschrank-Vorratsbehälter „Kubus“ gingen an die deutsche Kriegsmarine zur Ausstattung von Schlachtschiffen. ...

WAGENFELD (depressiv)
Ich hab doch auch nur Scheiße gebaut, Ernie … Gute Produkte für alle! Demokratische Gestaltung! Fortschritt durch Massenproduktion! Daran hab ich geglaubt! Gibt es jetzt weniger Ramsch auf der Welt? Kik, Tedi … Hat die Industrie die Welt verbessert? Klimakrise, Näherinnen in Bangladesh… Alles Mist! Das Bauhaus ist gescheitert.
(…)
NEUFERT
Wir müssen diese Gegensätze zwischen uns produktiv machen. Nicht immer gegeneinander, sondern miteinander. Unterschiedliches stehen lassen. Wir müssen prinzipiell, grundsätzlich werden … Also Struktur und Chaos … das ist es doch, womit wir ringen …

Bauhaus - Wagenfeld und Neufert auf dem Boulevard

Parcours / Boulevard (Auszug)

NEUFERT
Bitte kommen Sie mit zum Tor der Verwandlung!

WAGENFELD
Hier kommt jetzt alles zusammen – und auch die Einhörner sind schon zur Stelle!

NEUFERT
Diese wunderbaren, normlosen Tiere der Verwandlung, die uns dabei helfen, die Wunschbilder neuen Lebens hervorzurufen!
(…)

Mit: Heiner Bomhard/Sebastian Straub; Regie: Stefan Nolte; Text: Paul Brodowsky

Vollständige Texte und weitere Fotos siehe Parcours/Bahnhof, Parcours/Glasfachschule und Parcours/Boulevard.
Angaben zu den Künstlern siehe Info/Künstlerteam.

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