Vom Bauhaus lernen

Für „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“ waren die Ideen des Bauhauses - besonders das Wirken von Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert in Weißwasser - wichtige Bezugspunkte.

Im Rahmen des Modellfalls 2018/19 kehrten der Glasgestalter Wagenfeld und der Architekt Neufert, beide Bauhaus-Schüler der ersten Stunde, an ihren Wirkungsort der 1930er/40er-Jahre zurück. Verkörpert von den Schauspielern Heiner Bomhard und Sebastian Straub, hinterfragten sie ihr eigenes Erbe und entwickelten gemeinsam mit den Bürger*innen einen Neu-Gebrauch der postindustriellen Stadt. Sämtliche öffentlichen Aktionen wurden von ihren Auftritten gerahmt und szenisch begleitet. Fünf Künstler*innen unterschiedlicher Disziplinen leiteten Werkstätten an und knüpften damit an die Bauhaus-Schule und Wagenfelds Werkstatt an.
Experiment und Prozeß waren wesentlich, um in einer Zeit des Wandels eine „selbstgemachte“ Stadt zu gestalten. Wagenfelds Begriff von Gestaltung und Gebrauch wurde dabei auch auf soziale Prozesse und Immaterielles ausgedehnt - mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Wirksamkeit.
Im Rahmen eines Stadtparcours mit Fest-Charakter wurden die Ergebnisse der Werkstätten präsentiert.
Die Auseinandersetzung mit Neufert als Vordenker von Normierung und Typisierung fand dabei – neben den drei Szenen von Wagenfeld & Neufert - in verschiedenen Formaten statt: den Normwesen im Neufert-Bau, auf der Werkstrasse der Verwandlung (Telux) und dem Trimm-Dich-Pfad für Geist und Körper (Boulevard). Die eigens errichtete Bauhütte auf der Schnitterbrache bezog sich auf Walter Gropius, für den die mittelalterlichen Dom-Bauhütten Vorbild für die Bauhaus-Schule waren. Hier wurde in den vier Tagen des Parcours mit Baumeister Thormann und den Bürger*innen ein konkreter Gegenentwurf zur „funktionalen Stadt“ der Charta von Athen (1933) entwickelt: Die Charta von Weißwasser.

Neufert sagt: Lerne geben und nehmen
Das Masz aller Dinge ist der Mensch

Bauhaus-Erbe in Weißwasser entdecken

Wilhelm Wagenfeld war von 1935-44 künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG), damals größter deutscher Produzent für Gebrauchsglas mit Export bis nach Übersee. In seiner Werkstatt entwickelte er Glasformen des täglichen Bedarfs nicht nur aus der Funktion, sondern auch aus dem nachhaltigen und schönen Gebrauch, der damit möglich sein sollte. Alle Schichten der Gesellschaft sollten sich diese Produkte leisten können.

Ernst Neufert wird auf Vermittlung Wagenfelds Hausarchitekt der VLG und baut u.a. ein Hüttenwerk für die Glasproduktion und ein Zentrallager mit Versandhalle (Neufert-Bau). Mit seinen funktionalen Grundrissen optimiert er die Arbeits- und Bewegungsabläufe und bezieht dabei moderne Arbeits- und Betriebswissenschaften mit ein. Zeitgleich veröffentlicht er seine erste „Bauentwurfslehre“, heute ein Standardwerk für jeden Architekten. Der „Neufert“ enthält sämtliche Raummaße von der Badewanne bis zur Abfertigungshalle. Als „Maß aller Dinge“ (Neufert) geht er darin von Standardmenschen aus, die als schablonenhafte Strichmenschen die Raumskizzen seiner BEL illustrieren.

Wagenfeld hat in seinen letzten Lebensjahren erklärt: „Nach dem Krieg habe ich allerdings nirgends wieder so viel Zustimmung und so viel freie Entscheidung haben können wie in Weißwasser.“  Und Walter Gropius schrieb ihm: „Ich versichere Ihnen, daß Sie und Ihr Werk der Modellfall dessen sind, was das Bauhaus anstrebte.“ 

Neben Wagenfeld und Neufert hat auch der Architekt und ehemalige Weimarer Bauhaus-Syndikus Emil Lange  mit dem Bau des Gewerkschaftshauses (1928/30; in DDR-Zeiten Kulturhaus der Stadt, heute Volkshaus) seine Spuren in Weißwasser hinterlassen.

Weißwasser steht heute nicht nur für ein weitgehend unentdecktes Bauhaus-Erbe in der Provinz, für Bauhaus & Industrie und die Kontinuitäten des Bauhauses während der NS-Zeit, sondern auch für die Werkstatt eines nachhaltigen Gebrauchs und die beispielhafte Zusammenarbeit von Künstlern, Fachkräften und Industrie.

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