Mit Herzblut und Sachverstand

Holger Schmidt spricht über den Kampf um das Bauhauserbe der Stadt und wie der Modellfall die Bauhaus-Idee von Walter Gropius weiterentwickelt hat.

Du hast das Projekt Anfang 2017 angeregt und initiiert. Welche Erwartungen hast du – als Stadtplaner, aber auch als Vorsitzender des Neufert-Bau-Vereins – damit verbunden?

Prof. Holger Schmidt Das Bauhauserbe und auch das Wirken ehemaliger Bauhäusler war sowohl in der Stadt Weißwasser als auch national und international bis auf wenige Ausnahmen völlig unbekannt. Mir war klar, dass man darüber nicht abstrakt und akademisch informieren konnte. Denn das Bauhauserbe ist zweigeteilt: zum einen gibt es zahlreiche Exponate im Glasmuseum zu bewundern, dieser Teil des Erbes ist in der öffentlichen Wahrnehmung damit wertvoll und akzeptiert. Schwieriger ist es mit den Gebäuden der Bauhäusler. Der Neufert-Bau ist ruinös und sollte eigentlich längst abgerissen sein, am Volkshaus hängen vor allem bei der älteren Bevölkerung sehr viele positive Erinnerungen, es ist allerdings nicht nutzbar. Als ich die Ausschreibung der Kulturstiftung des Bundes zum Thema „Bauhaus heute“ erstmals gelesen habe, habe ich gespürt, dass diese eine sehr gute Chance bietet, mit künstlerischen Mitteln auf das Baushauserbe und die große Ideengeschichte gerade in Weißwasser einzugehen. Das ist uns dann auch sehr gut gelungen.

Bauhaus - Büro Neufert-Bau e.V.
Wie hast du Prozess und Entwicklung des Modellfalls erlebt? War das für dich so absehbar? Was hat dich überrascht?

Das Projekt setze von seiner Ausrichtung her sehr auf Mitwirkung und Mitmachen, dazu gab es fünf Werkstätten in denen die künstlerischen Leiter*innen jeweils in Adaption der Idee der Bauhauswerkstätten mit Menschen vor Ort das Projekt entwickeln sollten. Ich war anfangs sehr skeptisch, ob und wie sich die Bewohner*innen der Stadt darauf einlassen werden. Wirklich überrascht hat mich die Tatsache, wie gut die Werkstattleiter*innen sich auf die Leute vor Ort eingelassen haben und mit wieviel Feingefühl und Respekt sie dann letztlich die Geschichten der Menschen erzählt und künstlerisch adaptiert haben. Viel Neues habe ich eigentlich an allen sieben Spielstationen gesehen und erfahren.

Nimmst du den Neufert-Bau, nimmst Du Weißwasser jetzt anders wahr?

Ich habe gesehen, welches künstlerisches Potential im Neufert-Bau verborgen liegt und wie die verschiedenen Orte in Weißwasser irgendwie alle etwas miteinander zu tun haben. Und ich habe gesehen, dass die vielen jungen und älteren Mitwirkenden aus Weißwasser mit viel Freude und Energie dabei waren und gespürt, dass dies für die Entwicklung der Stadt ein unwahrscheinliches Pfund ist.

Welche Strukturen und welche inhaltliche Ausrichtung hat der Modellfall in Deiner Beobachtung vom Bauhaus übernommen?

Der Bauhausgründer Walter Gropius war überzeugt, dass neue Lösungen auf aktuelle Herausforderungen oder Gestaltungsaufgaben nur durch eine Aufhebung der Grenzen zwischen Handwerk, Kunst, Industrie und Technik entstehen können. So wie in einer mittelalterlichen Bauhütte, wovon er übrigens den Namen „Bauhaus“ ableitete, sollten die verschiedenen Disziplinen und Talente gemeinsam und gleichberechtigt in einer „Werkstatt“ zusammenarbeiten. Dieses „Werkstattprinzip“ praktizierte der Bauhäusler Wilhelm Wagenfeld als künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser in den 1930er und 1940er Jahren in seinem „Künstlerischen Laboratorium“: der Gestalter, der Glasbläser und der Formenmacher tüftelten gemeinsam an neuen, in Serie herstellbaren modernen Glaskollektionen. Die Adaption des Werkstattprinzips als Form und Inhalt der Arbeit am Modellfall Weißwasser stellt eine innovative Weiterentwicklung der grundlegenden Bauhausidee dar.

Bauhaus - Innenaufnahme Neufertbau
Der anfängliche Impuls für das Projekt war von der Idee geprägt, Aufmerksamkeit für das Zentrallager zu erzeugen, um dessen Erhalt zu sichern; herausgekommen ist am Ende ein Stadtprojekt, das man eher als soziale Plastik beschreiben kann. Wie siehst Du rückblickend auch als Vorsitzender des Neufert-Bau-Vereins diese Erweiterung des Projekts?

Die Erweiterung des Projektes auf die ganze Stadt haben wir ja bereits im Projektantrag vorgeschlagen. Sie war angesichts der Stadtgeschichte von Weißwasser als ehemals größter Glasproduzent Europas in der Zwischenkriegszeit, dem rasanten Wachstum der Stadt zwischen 1970 und 1990 und der genauso rasanten Schrumpfung seit der deutschen Einheit 1990 sinnvoll und folgerichtig. Wir müssen den Neufert-Bau und die Bauhausgeschichte, sei es die der Protagonisten Wagenfeld, Neufert oder Lange als auch die der Gebäude, immer in den Kontext der Stadtgeschichte einordnen und auch zeigen, welche Potentiale die historischen Fragmente und die historische Rückbesinnung für die künftige Entwicklung der Stadt haben kann

Wie hat das Projekt die Arbeit des Vereins verändert? Gibt es etwas am Modellfall, an das du anknüpfen möchtest? Was hat sich nicht eingelöst?

Das Projekt hat die ehrenamtlich wirkenden Mitglieder des Vereins sehr gefordert, zumal ein Teil der Mitglieder auch selber mitgespielt haben. Ich überlege mit einigen, wie wir den kulturellen Impuls verstetigen können und vielleicht einen Modellfall 2.0 veranstalten könnten. Dann müsste es uns noch besser gelingen, die Bürger der Stadt als Zuschauer zu gewinnen, denn leider haben wir die geplanten Zuschauerzahlen und damit einen Teil unserer Einnahmen nicht erreicht.

Bauhaus - Protestschild: Hier wird ein Bauhausdenkmal gewesen sein
Du hast 2014 den NF-Bau-Verein mit ins Leben gerufen, um das alte Zentrallager der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG), das seit vielen Jahren vor sich hinrottet, vor dem endgültigen Verfall zu retten. Warum? Welche Chancen liegen deiner Meinung nach im Neufert-Bau?

Das Gebäude ist zum einen ein herausragendes Baudenkmal, schon allein daraus ergibt sich eigentlich ein gesetzlicher Auftrag, das wir als Gesellschaft das Gebäude nicht verfallen lassen. Wir haben damals den Verein gegründet mit dem Ziel, in die Eigentümerrolle zu kommen, damit die Denkmalbehörden einen handlungsbereiten und handlungsfähigen Ansprechpartner bekommen. Wir arbeiten mit Herzblut und Sachversand und alles ehrenamtlich, wir sind aber kein klassischer Investor mit einem dicken Geldbeutel, deshalb benötigen wir die Unterstützung vor allem des Freistaates und des Bundes. Wir sind überzeugt davon, dass der Neufert-Bau ein ganz wichtiger Puzzlestein der Stadt- und Industriegeschichte ist und dass er uns und kommenden Generationen noch viel zu „erzählen“ hat. Das hat nicht zuletzt die Verwandlung des Gebäudes in den „Normentempel“ gezeigt.

In wieviel anderen Städten engagierst du dich in ähnlicher Weise?

Ich bin eigentlich nur noch in meiner Heimatstadt Dessau-Roßlau in ähnlicher Weise aktiv. Ich berate aber bundesweit ab und an Initiativen oder Vereine, die historische Gebäude erhalten wollen und die dann meistens einen kulturellen oder stadtpolitischen Mehrwert für die angrenzenden Stadtquartiere generieren.

Wagenfeld ist Ehrenbürger der Stadt WSW, Neufert nicht. Wenige Jahre nachdem Neufert 1935 das Zentrallager in Weißwasser baut, macht er Karriere bei Hitlers Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Albert Speer. Wie geht der NF-Bau-Verein mit diesem Erbe um?

Ich kannte Neufert vor meinem „Einstieg“ in Weißwasser nur als Autor der „Bauentwurfslehre“ und mir war auch nicht bekannt, welche Bedeutung er als Architekt des Bauhauses und des Neuen Bauens insgesamt hatte. Aber das geht glaube ich nicht nur mir so, denn Neufert scheint ein eher „vergessener“ Bauhäusler zu sein. Das hat sicher auch etwas mit seiner Rolle im 3. Reich und seiner manchmal schon sehr pedantischen Art der Normung und Standardisierung zu tun. Neufert bekam nach dem Ende des 2. Weltkrieges sehr schnell eine Professur an der renommierten TH Darmstadt, er scheint also eher ein Mitläufer gewesen zu sein. Sein Wirken in der Nazizeit und danach in der Bundesrepublik muss allerdings noch wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Für uns als Verein steht allerdings eindeutig die Rettung des Baudenkmals im Vordergrund.

Die Fragen stellte Paul Brodowsky

Prof.Dr.-Ing. Holger Schmidt studierte an der heutigen Bauhaus-Universität in Weimar in der Fachrichtung Städtebau- und Gebietsplanung. Danach war er zehn Jahre an der Stiftung Bauhaus in Dessau als ständiger Leiter der Akademie und als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Seit 2001 betreibt er hier ein freies Büro für Stadterneuerung und Stadtumbau. Im November 2009 trat er die neu eingerichtete Professur im Fachgebiet Stadtumbau + Ortserneuerung an der TU Kaiserslautern an. Für die Stadt Weißwasser war er Mitautor der „Vision Weißwasser/O.L. 2035“ und ist Vorsitzender des 2014 dort gegründeten Neufert-Bau-Vereins.

Bauhaus - Innenansicht Neufert-Bau 2
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