Man muss noch nicht das Endprodukt vor Augen haben, man muss erst mal den Aufbruch wagen

Ein Interview mit Prof. Dr. Rolf Kuhn darüber, was das Bauhaus von damals mit der Lausitz von heute zu tun hat

Sie haben den Parcours des Modellfalls in Weißwasser im Sommer 2019 besucht. Was hatte das mit dem Bauhaus zu tun?

Prof. Rolf Kuhn: Das Bauhaus war am Anfang noch gar nicht auf eine bestimmte neue Gestalt hin orientiert. Man musste erst mal den Kopf frei kriegen und viele Zwänge ablegen, die vom Kaiserreich und vom 1. Weltkrieg noch in den Menschen steckten. Mit seinen vielen Festen, den Begegnungen und den Übungen an sich selbst, wollte man sich befreien, sich neu erfinden, um dann schließlich über Neues nachzudenken. Und das war eben auch mit diesem Fest – so will ich den Modellfall mal bezeichnen – in Weißwasser verbunden. Dass man den Menschen hier, die eine Periode des Bergbaus und der Industrie, besonders der Glasindustrie – hinter sich gelassen haben, Möglichkeiten gibt, über manche Dinge neu nachzudenken. Ein Stück Geschichte aufzuarbeiten, was dazugehört, um Neues anpacken zu können. Das steht für mich durchaus mit dem Bauhaus in Beziehung.

Bauhaus - Musiker auf dem Parcours
Sie sprechen vom Parcours als Fest?

Es ist ja so, dass man in Alltag und Festtag unterscheidet. Und ich glaube, dass das, was ich und die Menschen aus Weißwasser erlebt haben, schon so etwas wie ein Fest war – also etwas Besonderes. Es war mit Theater und Vorführungen verbunden, das gehört zu einem Fest dazu, und ein Ausklang mit russischem Essen und Trinken. Das war mehr als irgendwo hingehen, sich was ansehen und wieder nach Hause gehen. Es ging auch darum, etwas miteinander zu tun, wie bei einem gelungenen Fest.

Bauhaus - Feststimmung auf dem Parcours
Bauhaus - Essensstände auf dem Parcours
Der Neufert-Bau, das von Emil Lange gebaute Volkshaus oder die Gläser mit der Rautenmarke, die Wagenfeld hier entwickelt hat – welche Bedeutung hat das materielle Bauhaus-Erbe von Weißwasser?

Man braucht einen Anknüpfungspunkt, um an die Zeit erinnert zu werden, als Neufert und Wagenfeld in Weißwasser waren und etwas Neues gewagt haben. Anhand des Neufert-Baus zum Beispiel erkennt man nicht wie man heute Häuser bauen sollte; sondern wie mutig man damals war, weil man auf ganz andere Art Häuser gebaut hat, auf neuen Erkenntnissen beruhend, Neues ausprobierend. Es geht darum, diese Zeichen aufzugreifen und zu übersetzen – nicht zu übertragen – in unsere Zeit, um wieder einen Aufbruch mit diesen Zeichen zu verbinden.
Sobald es in Richtung von formalem Nachmachen ginge, würde ich es für falsch halten. Ich hatte, als ich selbst im Bauhaus in Dessau gearbeitet habe, die Formel: „Die Form ins Museum, den Geist in die Arbeitsräume.“ Selbst die Periode, die so erfolgreich war, kann nicht im formalen Sinne nützlich sein sondern nur als Erinnerung, dass das schon einmal gelungen ist. Um neue Kraft zu schöpfen und Mut zu machen, sich mit ähnlichem Geist, mit ähnlicher Energie, mit ähnlicher Aufgeschlossenheit zu etwas Neuem aufzumachen.

Dann ist dieses Bauhaus-Erbe durchaus wichtig für die Identität der Stadt?

Wichtig in dem Sinne, dass man das verbindet mit der Aufbruchstimmung unserer Zeit. Die brauchen wir heute wieder: Versuchen, neue Dinge zu erkennen, zu entwickeln und eben damit auch anderen ein Stück voraus zu sein. Ob das jetzt die Art betrifft, wie Menschen zusammen leben oder wie und was sie produzieren, wie effizient sie etwas machen oder wie sie es gestalten – es gibt in vielen Bereichen diese Chance. Ohne diesen Geist, diesen Mut, dieses forsche Vorangehen wird es keinen Erfolg geben und wir werden aus diesem Tal, in dem wir uns befinden, nicht herauskommen.

Ist Weißwasser eine Bauhaus-Stadt? Was kann die Stadt durch eine solche Identität gewinnen?

Ich würde es so definieren: Weißwasser hat zu den aufgeschlossenen Städten gehört, die sich vom Bauhaus haben anregen lassen. Man weiß ja, dass das Bauhaus aus Weimar vertrieben wurde.
Weimar war also keine Stadt und das Land Thüringen kein Land mehr, die dieses anregende, experimentierende auch unkonventionelle Bauhaus haben wollten. Aber es gab viele andere Städte, die erkannt haben, dass im Suchen nach einem neuen Weg eine Chance liegt. Auch wenn man noch nicht genau wusste, wohin der Weg führt. Frankfurt/M, Köln, Darmstadt und schließlich Dessau haben sich angeboten. Daran sieht man, dass es aufgeschlossenere und weniger aufgeschlossenere Städte und Regionen auch damals gab. Und was ich Weißwasser zu Gute halten würde ist, dass man solche Bauhaus-Meister und -Gestalter eingeladen hat in die Stadt. Also dass man aufgeschlossen war für etwas Neues, dass man die Kreativität schätzte und aus ihr dann eben auch neue Produkte und damit eine neue Wirtschaftskraft entwickelte.

Hier herrscht nicht unbedingt Aufbruchsstimmung. Bei den Älteren ist die Abwicklung der Glasindustrie in den 90er Jahren noch schmerzhaft präsent. Kaum jemand von ihnen hatte die Chance, das mitzugestalten. Und nun steht das endgültige Aus für die Kohle bevor. Was nützt da ein Modellfall, der die Weißwasseraner*innen zu Mitgestalter*innen macht?

Die Erfahrungen aus den 90er Jahren machen es besonders schwer, Leute zu motivieren, den Strukturwandel als eine Chance anzunehmen. Sie lassen eher darauf schließen, dass er eine Gefahr sein könnte. Und das bringt die Leute in Abwehrhaltung. Die Aufgabe von Kunst, Kultur und kreativen Prozessen könnte sein, das zu überwinden. Damit diese negative Erfahrung nicht ständig mitgeschleppt wird und man sich davon befreien kann.
Karl Ganser*, der die IBA im Ruhrgebiet geleitet hat meinte: IBA kann man nur dort machen, wo es einer Region ganz schlecht geht. Dann ist man bereit, neue Wege zu gehen. Weil eben das Alte nicht mehr funktioniert.
Das meine ich mit meinem Bauhausvergleich und mit der negativen Erfahrung, die die Menschen durch den ersten Weltkrieg und das Kaiserreich gemacht haben. Dazu gehört auch, welche Hoffnungen durch Propaganda geschürt wurden, die sich alle nicht erfüllt haben. Aus solch einer Situation, aus solch einem Loch, mussten sie herauskommen.
* Karl Ganser war von 1989-99 Geschäftsführer der IBA (Internationalen Bauausstellung) Emscher Park.

Bauhaus - Campingwagen und Liegestühle
Beim Modellfall haben sich die Bürger*innen selbst wesentliche Orte wieder aneignen und für eine neue Nutzung zurückerobern können. Macht man sich mit so einem Ansatz was vor? Wenn dann die Entscheidungen über Gebrauch und Gestaltung der Stadt doch wieder ganz woanders und „von oben“ getroffen werden?

Der Modellfall hilft, sich auf den Weg zu machen. Und der Weg hat immer einen Ausgangspunkt. Und das waren hier eben interessante Orte, die zeigen, dass man sich schon einmal in schwieriger Situation auf den Weg gemacht hat. Es ist möglich, aus der eigenen Geschichte heraus zu etwas Neuem zu kommen! „Sich auf den Weg machen“ – darum ging es ja im ganz wörtlich verstandenen Sinne beim Parcours. Und wenn man sich auf den Weg macht, wird es auch Erlebnisse, Anregungen, Gemeinschaften geben, die in der Lage sind, die Entwicklung von Weißwasser voranzutreiben.
So habe ich diese künstlerische Verwandlung gesehen: aus dieser Erfahrung heraus muss jetzt eine neue Idee, ein neuer Wille, entstehen. Was am Ende oder auf dem Weg werden kann, wissen wir alle noch nicht – auch die nicht, die jetzt große politische Pläne schmieden oder wirtschaftliche, finanzielle Vorstellungen haben. Man muss noch nicht das Endprodukt vor Augen haben, man muss erst mal den Aufbruch wagen. Denn klar ist, wenn man sich nicht auf den Weg macht, wird garantiert nichts daraus.
Manche denken: „Da wird jetzt ein Werk zugemacht und an einer anderen Stelle wird ein Werk eröffnet. Bisher war es Energie aus Kohle und jetzt werden eben Batterien hergestellt.“ Das ist einfach zu kurz gedacht. Wenn es dann nichts wird mit dem Werk, was ist dann? Dann verfallen alle wieder in Depression. Man muss das vielschichtiger und breiter aufstellen und eben Vieles noch offen lassen. Man muss Kraft aufwenden, Mut schöpfen und sich auf den Weg machen.

Das Bauhaus war eine Schule von und für Spezialisten. Der Modellfall hat das Werkstattprinzip vom Bauhaus übernommen um gemeinsam mit Amateur*innen zu einer neuen Praxis zu kommen. Ist das Dilettantenkunst?

Es kommt darauf an, worauf man abzielt. Im Bauhaus hat man darauf abgezielt, mit neuen Studenten, durch eine neue Pädagogik, zu neuen Produkten, zu neuer Architektur zu kommen. Und deshalb war es richtig, dass man das mit Menschen macht, die eben aus einer bestimmten Fachwelt kommen oder in diese hinein wollen.
In Weißwasser und der gesamten Lausitz ist das etwas anderes. Hier geht es um einen Wandel, der durch das Ende von bestimmten Produktionsprozessen, von Produkten, von einer bestimmten Art Energieerzeugung eingeleitet wird. Das betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Und von daher ist es richtig, wenn man die gesamte Bevölkerung einbezieht, weil sie auch als Ganzes betroffen ist.
Da kann man nicht sagen: Ich mach das nur mit einer ganz bestimmten Gruppe. Und das war für mich das Wichtige an dieser Veranstaltung, dass man alle mitgenommen hat.

Sie haben sich als Direktor der IBA Fürst-Pückler-Land* intensiv mit der Lausitz auseinandergesetzt. Welche Bedeutung kann ein temporäres Projekt hier haben?

Als ich 1998 in die Lausitz kam, waren die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit noch zu spüren. Wenn man ABM* nicht als reguläre Arbeit sieht, waren etwas 50% arbeitslos. Da war fast jede Familie betroffen. Und es sah schlimm aus ringsherum. Die Natur war zerstört, in Großräschen war ein riesiges Loch.
Wir wollten die Vorstellung vermitteln, dass da eine Seenlandschaft entsteht, die wieder anziehend ist für Menschen – Menschen, die herkommen, um Urlaub zu machen, aber auch, um hier zu wohnen oder um etwas zu produzieren. Und dass in einer solchen Landschaft völlig neue Berufe entstehen können und sich neue Chancen ergeben. Das konnte sich noch keiner vorstellen, man hielt uns für Spinner. Auch zu unserer Idee, die besten Zeugnisse der Industrie – wie die Abraumförderbrücke F60 oder das Kraftwerk Plessa – mit in eine Zukunftslandschaft einzubauen, hatte man erst mal wenig Zutrauen.
Das war für die Leute noch sehr weit weg. Sie saßen so tief in diesem Loch, dass man sie da nicht ohne weiteres herausholen konnte. 2002 haben wir dann die F60 als Besucherbergwerk eingeweiht. Und erst als sie sahen, dass das keine Luftnummern war, sondern dass aus unseren Ideen Realität werden kann, hatten sie mehr Zutrauen und haben dann im Prozess selber eine größere Rolle gespielt.
Bis sie zum Ende der IBA 2010, bei den festlichen Abschlussveranstaltungen, selbst zu Gestaltern und Mitmachern wurden.
Das ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe: Die Lausitzer sind zu begeistern. Sie sind als Mitmacher für Neues zu gewinnen. Aber sie brauchen einen Motor, der erst einmal etwas in Bewegung bringt, der anschiebt. Dann sind sie durchaus in der Lage, etwas in die Hand zu nehmen, wieder Mut zu fassen, Fantasie zu entwickeln und tatsächlich zu Gestaltern einer neuen Situation zu werden, die vorher alle noch nicht so genau kannten.
*Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen

Die Fragen stellte Stefan Nolte

Prof. Dr. Rolf Kuhn (*8. Dezember 1946 in Ratscher/Südthüringen) ist Städtebauer und Gebietsplaner. Er war Direktor des Bauhauses Dessau (1987-98) und Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (Lausitz). Rolf Kuhn ist verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt in Großräschen (dem Sitz der IBA 2000-2010) und ist Träger des Verdienstordens des Landes Brandenburg.

Bauhaus - Entspannen am Neufertbrunnen
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