Modellfall Weißwasser
DAS MASZ ALLER DINGE

Was ist „Modellfall Weißwasser oder Das Masz aller Dinge“?

Weißwasser in der Oberlausitz ist eine mittelgroße Stadt in Ostsachsen. Von Herbst 2018 bis November 2019 fand hier „Modellfall Weißwasser oder Das Masz aller Dinge“ statt, ein performatives Stadtprojekt anlässlich des einhundertjährigen Jubiläums des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses.

Das Masz aller Dinge ist der Mensch

Zum Hintergrund – Weißwasser, Glasindustrie und Bauhaus

Weißwasser war von Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang der 1990er Jahre einer der bedeutendsten Standorte für die Produktion von Gebrauchsglas in Europa. Zugleich kann der Ort als Modellfall für die Umsetzung der Ideen des Bauhauses in der Großindustrie gelten: 1935 kommen mit dem Glasgestalter Wilhelm Wagenfeld und dem Architekt Ernst Neufert zwei Bauhausschüler der ersten Stunde nach Weißwasser. Sie prägen die Industrie vor Ort nachhaltig, ihr Wirken reicht bis in die DDR-Zeit hinein. Neben der Braunkohleverstromung mit dem Tagebau Nochten und dem Kraftwerk Boxberg direkt vor den Toren der Stadt war die Glasproduktion bis Mitte der 1990er Jahre für Weißwasser der wichtigste Arbeitgeber. Inzwischen ist sie jedoch aus der Oberlausitz weitgehend verschwunden – und mit ihr tausende Arbeitsplätze.
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in den Einwohnerzahlen der Stadt wider. Weißwasser wuchs bis 1990 auf rund 38.000 Einwohner*innen an, infolge der Deindustrialisierung sind es heute nur noch etwa 16.000 Einwohner*innen. Nirgends sonst in Deutschland findet sich eine vergleichbare Dynamik von Wachstum und Schrumpfung. Dementsprechend findet man in der Stadt viel Leerstand und weitläufige Industriebrachen. Ein weiterer Umbruch steht zudem mit dem Ende der Braunkohleverstromung vor der Tür.
Weißwasser kann insofern als „Modellfall“ gelten, als hier viele Problemlagen (und Lösungsansätze) zu beobachten sind, die in zahlreichen Kommunen in Deutschland und international in ähnlicher Weise auftreten: Abwanderung von Industrie, gesellschaftliche Umbrüche nach dem Zusammenbruch des Sozialismus’, schrumpfende Bevölkerungszahlen, geografische Randlage abseits großer Verkehrsachsen, Erstarken von rechtsnationalen Strömungen. Neben diesen Herausforderungen gibt es vor Ort auch positive Entwicklungen. Der rasante Bevölkerungsschwund der letzten 30 Jahre scheint bis auf weiteres gestoppt. Eine Reihe zukunftsgerichteter, lokaler Initiativen bemüht sich, neue Perspektiven zu entwickeln. Der Strukturwandel will gestaltet werden, die Stadt muss sich ein weiteres Mal neu erfinden.

Ansätze des Projekts

Das performative Stadtprojekt „Modellfall Weißwasser“ stellte das Stichwort ,Transformation‘ in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen. In einer dreimonatigen Recherchephase wurden die vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Umbrüche vor Ort in den Blick genommen. Wichtige Inspirationen bezog das Projekt daneben von Ideen des Bauhauses. Einen Schwerpunkt nahmen dabei Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert ein. So strukturierte sich das Projekt in fünf künstlerische Werkstätten – angeregt von dem Werkstattprinzip der Bauhaus-Schule und der Werkstatt Wagenfeld, die der Gestalter in den 1930er Jahren in Weißwasser gründete. Wichtig waren dem Projekt auch die sozial orientierten Gestaltungsideale, die Idee des „Gebrauchs“ der Objekte, die in dem Projekt in einem Nachdenken über heutigen und künftigen „Stadtgebrauch“ Eingang fanden.
Entsprechend wurden fünf Werkstätten gegründet unter der Leitung von Constanze Fischbeck (Film), Bernadette La Hengst (Chor), Stefan Nolte (Theater), Jochen Roller (Tanz/Choreografie) und Hendrik Scheel (Installation/Objekte). Ausgiebige Recherchen vor Ort und Kooperationen mit zahlreichen lokalen Akteuren, Vereinen und Einzelpersonen prägten das Projekt. Im Verlauf von 10 Monaten wurde intensiv mit Schülern gearbeitet, eine Theatergruppe gegründet, ein „Chor der Verwandlung“ ins Leben gerufen, eine Punkband bei der Songentwicklung begleitet, wurden Vereine und Initiativen miteinander und mit der Stadtverwaltung ins Gespräch gebracht. Vor allem aber wurden zahlreiche Gespräche und Interviews geführt. Eine Reihe von vier Einzelveranstaltungen zwischen Oktober 2018 bis Mai 2019 führte schließlich hin zum großen Höhepunkt: An zwei Wochenenden im Juni 2019 wurde die Stadt zur Bühne für einen performativen Parcours. Mit den Mitteln der Kunst wurden Orte symbolisch und ganz konkret transformiert und für die Öffentlichkeit zurückerobert. Wesentlich waren dabei die Weißwasseraner*innen selbst, die für den Modellfall aktiv wurden. Sie haben dabei vertrautes Terrain verlassen, um gemeinsam die Stadt neu zu gestalten. Spielerisch wurden so die Umbrüche der Vergangenheit untersucht, Zukünfte entworfen, neue Handlungsmacht gewonnen. Für vier Tage wurde dabei an insgesamt sieben neuralgischen Orten in der Stadt ein Miteinander in neuen Formen erprobt. Die Zuschauer*innen begegneten neben über 100 Mitwirkenden aus Weißwasser auch den Bauhaus-Schülern Wagenfeld und Neufert, die – gespielt von den Schauspielern Heiner Bomhard und Sebastian Straub – während des gesamten Projektes an ihren früheren Wirkungsort zurückkehrten und im Parcours eine wichtige Rolle einnahmen. Der im Rahmen des Projekts entstandene Dokumentarfilm „Modellfall Weißwasser“ (2019/70min/deutsch mit englischen UT) setzt den Modellfall in Beziehung zu Geschichte und Gegenwart der Region.
Diese Webseite möchte den Parcours und die Arbeit vor Ort dokumentieren. Und zugleich Arbeitserfahrungen und Zwischenstände zugänglich machen und einige der anhängigen Diskurse in einer Reihe von Interviews und Textbeiträgen vertiefen.

Modellfall Weißwasser - Dok.-Film Trailer